Zeit, Schwäche zu zeigen.

Zeit, Schwäche zu zeigen.

Was mich dieses Jahr zunächst wie eine Welle überrollte, war ein schleifender Prozess, der mich mein gesamtes Leben bereits verfolgte. Mein Leben bestand aus Kompromissen, aus Umwegen und Wartezeiten. Es war der Druck es jedem Recht machen zu wollen, in der Masse mit zu schwimmen, nicht negativ aufzufallen und andere damit glücklich zu machen.

Ich hatte schon immer relativ klare Ziele vor Augen. Doch, wenn die Straße zu holprig wurde oder ich auf Widerstand traf, wechselte ich meinen Kurs. Ich hatte vergessen, wie man sich selbst glücklich machte. Und ich hatte vergessen, wie man abseits von äußeren Einflüssen eigenständige und unbeeinflusste Entscheidungen traf.

In den vergangenen Jahren traf ich viele Entscheidungen für mich. Lebte mein Leben und fand tatsächlich zu mir. Ich fand positive Worte für mich und positive Worte für andere. Der Blog, die Fotografie, meine Familie. Das war ich, es füllte eine Leere und hier wollte ich sein. Doch ich befand mich wieder auf einer Wartebank, stoß auf wenig Verständnis. Da waren wieder Menschen, die sich einmischten und es besser wussten. Die, die mir sagten, was ich zutun hätte, wie ich leben sollte. Mein eigenes Leben. Ich verfolgte wieder das gleiche Schema, hinterfragte alles und merkte es nicht. Innere Unzufriedenheit machte sich breit und plötzlich war dort wieder diese Abwärtsspirale. Der Spirale, der ich glaubte endlich entflohen zu sein. Sie umkreiste mich und hielt mich gefangen. Sie nahm mir die Luft zum Atmen, aber ich machte weiter. Ich kannte es nicht anders und wusste es nicht besser.

Doch plötzlich war alles anders. Ich war schwanger.

Ein Traum war in Erfüllung gegangen, doch ich konnte keinen Moment genießen. Tat es irgendwie ab, dass ich so emotionslos war. Der erste Test, der erste Herzschlag. Sollte man sich dabei nicht anders fühlen? Euphorischer? Glücklicher? Dieses Strahlen in den Augen meines Mannes suchte ich vergeblich auch bei mir. Aber mein Kopf, meine Psyche hatte gerade andere Sorgen und andere Probleme zu lösen. Da war gerade kein Platz für die Schwangerschaft. Das musste warten. Obwohl es ein so großer Traum von mir war. Alles andere war doch wieder wichtiger. Oder auch alle anderen.

Ich spielte meine größte Rolle in meinem Leben. Spielte jedem etwas vor. Sogar mir. War schon lange nicht mehr Regisseur, sondern nur noch die traurige Nebenrolle. Kämpfte mich durch, versuchte immer wieder aufzustehen und den Weg wiederzufinden, aber verlor den Kampf.

Mein Körper sendete die ersten Signale. Körperliche Beschwerden machten sich breit. Eine Woche eine Auszeit, dann geht es wieder. Hätte ich es damals nur besser gewusst. In dieser Woche holten mich Emotionen ein, die ich lange Zeit unterdrückt hatte, vielleicht auch durch die Schwangerschaft, wer weiß. Ich erkannte langsam, dass ich mich verloren hatte. Dass irgendetwas nicht richtig lief und ich alleine dort nicht mehr herauskam.

Ich habe lange überlegt, ob ich die vergangenen Monate mit euch teilen werde. Es ist immer einfacher, einfach weiterzumachen und die Schwächen zu verbergen. Wir leben hier in einer virtuellen Welt. Ich kann euch zeigen, was ich will und einen Teil müsstet ihr nie erfahren.

Als es mir jedoch wirklich schlecht ging, war das erste was ich tat die Suchmaschine anzuschalten. Ich brauchte Erfahrungsberichte, musste wissen was mit mir los ist und blätterte mich von einer zur nächsten Seite. Doch was ich fand, war verhältnismäßig wenig. Alte Foreneinträge, wenige Blogs… und da wurde mir klar, dass man nicht darüber sprach. Man zeigte diese Schwäche von einem selbst nicht.

Doch ich muss darüber sprechen und schreiben. Zum einen, weil ich es für mich tue. Etwas Aufgeschriebenes, hält an etwas fest. Man kann es nicht ausradieren und vergessen. Es erinnert einen immer wieder daran, dass es sich lohnt zu kämpfen. Es zeigt einem, was man nicht vergessen darf und was man bereits geschafft hat. Und ich werde für uns kämpfen. Für mich, für unsere Familie. Ich will ein Vorbild für mein Kind sein.

Und für euch. Um euch zu zeigen, dass es okay ist Schwächen zu zeigen und dass ihr verdammt nochmal selbst auf euch aufpassen müsst.

Nichts ist so wichtig in seinem Leben, wie man selbst. Nichts muss man, was man nicht will. Sei und bleib Regisseur deines Lebens und lass dir nicht diesen einen Job wegnehmen. Steh zu dir. Verbieg dich nicht. Du traust dich vieles nicht, hast Angst vor Gegenwind? Was kann passieren? Sofern Freunde gehen, waren sie nie Freunde. Du musst niemanden gerecht werden, außer dir selbst. Mach dich frei von äußerlichen Einflüssen, versuch dich nicht vom Geld abhängig zu machen und geh diesen Weg, egal wie steinig er auch sein mag. Dieser egoistische Weg zu sich selbst ist verdammt schwer. Schwerer als alles andere. Aber das Ziel wird das schönste sein. Denn du selbst bist etwas, was dir keiner nehmen kann.

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