[Blogroman] Joel und Emelie 9

Ich werde am nächsten Morgen von der Sonne geweckt und blicke mich zunächst suchend um, aber er ist nicht hier. Nur meine kleine schnarchende Schwester, deren Haare wie Pumuckl in alle Richtungen abstehen. Ich versuche Paula zu wecken, aber bekomme nur ein fieses Grummeln als Antwort.

Sie war schon immer eine Schlafmütze und faselte etwas von ihrem Schönheitsschlaf. Bei mir bringt es eh nichts mehr, also krieche ich aus meinem Bett und schlendere zum Badezimmer, um mir eine kalte Ladung Wasser ins Gesicht zu werfen. Anschließend binde ich mir meine Haare zusammen und versuche mein verquollenes Gesicht mit etwas Tagescreme und Make-Up zu verdecken. Vergeblich. Ich sehe immer noch grausam aus.

Langsam schlüpfe ich in meine alte Jeans, schreibe Paula einen kleinen Zettel und nehme mir den Schlüssel von dem Sideboard. Vorsichtiger als sonst schließe ich die Tür hinter mir zu.

Es regnet. Ein typischer Morgen für Hamburg. Das ist vermutlich das Einzige, was ich an München vermisse. Wir hatten dort unten einfach viel besseres Wetter. Hier ist es unberechenbar. Gestern kann noch der tollste Sonnenschein sein, so herrschen heute sinnflutartige Regenfälle. Na danke.

Ich ziehe meine Kapuzenmütze über meinen Kopf und laufe die Straßen entlang zu meinem Lieblingsbäcker. Wo man woanders schlechte Laune erwarten würde, so sind die Menschen in Hamburg selbst bei so einem Wetter einfach gut drauf. „Moin Moin“, schallt es mir entgegen. „Ich hätte gerne vier belegte Brötchen und…“, ich hielt kurz inne. „…dazu eine weiße Schokolade, to go.“ Ediths Café hatte drei Wochen geschlossen. Sie genoss ihren Griechenlandurlaub, jedoch fehlte mir meine Konstante sehr.

„Mensch Deern, sowas haben wir hier nicht. Ich mach dir eine braune Schokolade fertig. Natürlich to go.“, der Herr hinter der Theke zwinkert mir zu. Sowas habe ich ja gebraucht. Ich will nicht unhöflich sein, also lege ich mein schönstes Lächeln auf und reiche ihm mein zusammengezähltes Geld. Joel hätte jetzt wieder einen frechen Spruch drauf gehabt. Er konnte das, aber er war nicht hier.

Der Kakao schmeckt wie verunreinigtes Wasser und ich werfe ihn in einen an der Straße stehenden Mülleimer. Gerade als ich wieder aufblicke, sehe ich eine Gestalt, die wie Joel aussieht und dabei ist, die Treppe zur U-Bahn Station hinunter zu laufen. Diese muskulösen und starken Arme, dieser aufgerichtete Gang, ich würde ihn über all wieder erkennen. Er muss es sein, ich weiß es. Ich folge ihm, nehme jede zweite Stufe der Treppe und versuche ihn zu erreichen. Fast verliere ich Joel in den Menschenmassen. Mein Blick wandert umher, ich sehe wieder seinen Hinterkopf und mache immer größere Sätze. Ich will etwas sagen, ihm hinterher brüllen. Endlich erreiche ich ihn und ziehe ihn an seiner Schulter herum.

Ein völlig irritierter und mir unbekannter Mann blickt mich auf einmal an. Entsetzt trete ich ein paar Schritte zurück. „E…Es tut mir leid. Ich habe Sie verwechselt“, stammle ich hervor und drehe mich ruckartig um, um schnellstmöglich aus der Situation zu entfliehen. So schnell mich die Beine tragen können, renne ich die Treppe wieder hinauf und steuer meine Wohnung an.

Als ich die Wohnungstür aufschließe und hineintrete, höre ich aus meinem Schlafzimmer ein langes und lautes Gähnen. Noch immer versuche ich an die Begegnung zu denken. Ich war mir so sicher, dass er es war. Meine Gedanken spielen mir einen Streich und ich versuche sie von mir zu schütteln. „Was machst du da?“, verschlafen reibt sich Paula die Augen und sieht mich, wie ich meinen Kopf wirr hin und her bewege. „Ich versuche das irre Zeug aus meinem Kopf zu kriegen“, sage ich hüpfend. „Du spinnst“, gibt sie wieder.

Wir zwängen uns an meinen winzigen Küchentisch und ich packe die belegten Brötchen aus. „Du hast es nicht so mit einkaufen, oder?“, beäugt sie misstrauisch mein mitgebrachtes Essen. „Ich hatte einfach keine Zeit.“, vielleicht hatte ich es auch einfach vergessen, in der letzten Zeit etwas zu mir zu nehmen. Ich kann mich an keinen einfachen Tagesablauf mehr erinnern. „Apropos, wo waren wir stehen geblieben? Vielleicht verstehe ich dann, wie du Joel vergraulen konntest“, stichelte sie und versuchte mich damit vermutlich aufzumuntern. Ich lache und drohe ihr mit meiner Faust. „Na dann pass mal auf, wer hier nicht die Finger von mir lassen konnte.“ sage ich scherzhaft und stopfe mir ein Brötchen in den Mund.

Ich bekam am darauffolgenden Tag, nach dem ersten Gespräch mit Joel einen Anruf. Da noch niemand den ich kannte, meine neue Rufnummer hatte, war ich völlig irritiert, wem diese gehören könnte. Joel und ich hatten keine Nummern ausgetauscht. Ob Max diese irgendwie rausbekommen hatte? Meine Hände zitterten leicht, als ich den grünen Hörer auf dem Handy anklickte. „Frau Sommer?“ sagte ein dunkle Stimme, am anderen Ende der Leitung. „Ja, die bin ich?“, gab ich nervös wieder.

„Schön, dass ich Sie spreche. Hier ist Herr Lopez, von Lopez & Partner. Sie haben ihre Bewerbung gestern in meiner Kanzlei abgegeben. Ich würde Sie gerne näher kennenlernen, ihre Bewerbung hat mir sehr gefallen. Es gehört Mut dazu, persönlich in einer Firma aufzutauchen. So viel Initiative muss doch belohnt werden. Wie sieht es nächste Woche Mittwoch bei Ihnen aus?“

Mein Herz bebte und ich vergaß alles um mich herum. Wir verabredeten uns für den nächsten Mittwoch um 16:00 Uhr. Als ich auflegte, verschwand jedoch mein Lachen und mein Herz setzte aus. Er war alles an was ich plötzlich denken konnte. Ich hatte keine Nummer von ihm, keine einzige Kontaktmöglichkeit. Joel war ein Buch mit sieben Siegeln und ich wusste nicht einmal, wer er war.

Vor oder Zurück?

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