[Blogroman] Joel und Emelie 8

„Ich sagte zu“, sagte ich selbstsicher, dabei war ich damals alles andere als selbstsicher. Paula kann sich ein Grinsen nicht verkneifen und krabbelt unter die Bettdecke, als ich mich wieder zu ihr geselle. Ich blicke zu ihr und sehe in ihren Augen die gleiche Unsicherheit. Die Unsicherheit darüber, ob wir den folgenden Verlauf von Joels und meiner Geschichte gut oder schlecht finden sollen, nachdem er nun gegangen ist.

Ein wenig später schloss ich meine Augen und schlief ein. Der Tag war ein Auf und Ab der Gefühle. Ich bin unglaublich erschöpft und habe noch immer Schwierigkeiten damit, meine Gedanken zu sammeln. Ein paar Tage konnte Paula bei mir bleiben, aber danach würde ich mit meinen Probleme wieder ganz alleine da stehen. Joel wo bist du?

„Ich hätte auch nie gedacht, dass du SO eine bist“, sagte er schmunzelnd. „Was machst du hier alleine in Hamburg?“

„Wer sagt, dass ich alleine bin?“, ein wenig ertappt sah ich mich nervös um. Und wenn er jetzt ein zwielichtiger Typ ist? Der mich schon eine ganze Weile beobachtet? Schließlich sagte mir meine Mutter bereits in jungen Jahren, dass ich nie irgendwo alleine hingehen soll. Ganz davon abgesehen, dass ein Mann nie denken sollte, dass man alleine wäre. So schütze man sich vor Überfällen. Seine geheimnisvolle Art machte mich ein wenig nervös.

Joel wirkte auf einmal angespannt. „Ich habe dich bisher hier nur alleine gesehen, daher bin ich davon ausgegangen, dass du es auch bist.“

„Mmh, ja. Ich bin tatsächlich vor kurzem alleine nach Hamburg gezogen. Ich möchte beruflich neue Wege einschlagen und mich weiterentwickeln.“ Der Satz kam wie aus der Pistole geschossen aus meinem Mund. Es war zwar nur die halbe Wahrheit, aber es machte mich nervös, über mich zu reden. Nicht wegen ihm. Das war schon immer so. „Und du?“

Seine Anspannung löste sich. „Dann lag ich ja nicht ganz falsch. Bei mir sieht es ähnlich aus“. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass Joel noch weniger über sich preisgeben wollte, als ich. Ich ließ es jedoch auf sich beruhen und blickte verlegen auf die Wand. Irgendwo auf dem Weg hierhin, hatte ich den Faden verloren und wusste nicht mehr, was ich hier eigentlich tat.

Zum Glück kam gerade Edith zu unserem Tisch und wollte die Bestellung aufnehmen.  „Ich muss eigentlich gleich wieder los.“ Gerade als ich mich erheben wollte, drückte Edith vorsichtig meine Schulter wieder herunter. „Kind, du musst doch noch etwas zu dir nehmen. Wie immer? Bestimmt.“ Sie nickte uns beiden zu und verschwand so schnell, wie sie gekommen war.

Mit offenem Mund sah ich zu Joel rüber, der sich das Lachen nicht verkneifen konnte und ich stimmte mit ein. Das Eis war gebrochen. Sein Lachen erfüllte mein Herz. Nachdem wir uns wieder eingekriegt hatten und Edith uns triumphierend den Kaffee und den Kakao brachte, wollte ich ihn näher kennenlernen, aber er wich meinen Fragen aus und drehte das Ganze herum. Ich erblickte eine Kette, wie Soldaten sie oft trugen, aber vergaß meinen Gedanken, als er mich wieder mit diesem verführerischen Blick ansah.

Innerhalb der nächsten halben Stunde fragte er mich so ziemlich alles, was mir auch in den Sinn gekommen wäre und ich vergaß jegliches Zeitgefühl. Was ich hier genau mache, woher ich komme und was mich nach Hamburg treibt. Ich erzählte ihm von Ellen, Patrick und Paula, über meine Ausbildung und meiner Jobsuche. Außerdem, dass Hamburg eine wunderschöne Stadt wäre und das war sie auch. Die Details mit meinem leiblichen Eltern und Max lies ich jedoch aus. Auch, dass Hamburg der für mich weitentfernteste und beste Ort war, um alles hinter mich zu lassen. Es war sowieso schon ein Wunder, dass Joel mir das Gefühl gab, ich könne mit ihm über so vieles reden, obwohl wir uns doch gar nicht kannten. Ich fühlte mich in seiner Nähe wohl und ein kleines Stück weniger Allein.

Sobald ich zu Edith rüber sah, zwinkerte sie mir jedes Mal zu und ich rollte vorsichtig meine Augen, ohne von dem Gespräch abzuweichen. Irgendwann verstummten aber auch unsere Gespräche und ich kam zu dem Punkt, wo ich meinen Kakao bezahlte und mich verabschieden wollte.

„Es war schön dich kennenzulernen, Emelie“, sagte Joel in einem weichen Ton. Ja, das war es. Ich bemerkte wieder die aufsteigende Röte in mir und versuchte mit aller Kraft diese zu unterdrücken und zu überspielen. „Gleichfalls“, brachte ich heraus. Ich hob meine Tasche vom Fußboden auf und setzte zum Gehen an.

Da fiel es mir plötzlich wieder ein. „Dein Geld!“ Ich versuchte, meine Tasche zu öffnen.

„Wie hätte ich dich sonst kennengelernt? Ich habe dich gerne eingeladen.“ Mit einem knallroten Kopf stand ich da und nickte nur freundlich. Bevor die Situation den Gipfel der Peinlichkeit erreichen konnte, drehte ich meinen Kopf, ging in Richtung Ausgang und wollte die Tür öffnen.

Joel, der mir gefolgt sein muss, hielt mir diese plötzlich auf und ich machte einen Satz nach hinten. „Mittwoch, wie immer?“ Seine Augen waren so verführerisch, seine Stimme raubte mir den Atem. Wie konnte ein Mensch so durchtrainiert, gutaussehend und dabei noch so zuvorkommend und ein Gentleman sein? Eine Kombination die äußerst selten vorkam.

Joel wirkte nämlich ganz und gar nicht wie ein Mensch, der nur auf sein Äußeres achtete. Eher, als würde dies beruflicher Herkunft sein. Er war groß und hatte riesige Hände. Hände, die nicht der nächsten Schlägerei dienen, sondern eher, als würden sie einen beschützen wollen. So unnahbar und doch so vertraut. Wir unterhielten uns so lange und trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, ihn ein Stück näher kennengelernt zu haben.

Mein Mund quietschte als Antwort ein kleines „ja“, welches aus meinem zugeschnürten Hals geschlichen kam und ich trat endgültig den Heimweg an.

Vor oder Zurück?

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