[Blogroman] Joel und Emelie 7

Die Worte der Ärztin laufen in meinem Kopf als Dauerschleife und das Atmen fällt mir schwer. In meiner Brust breitet sich ein Schmerz aus und ich versuche mich an der Hauswand zu stützen, als ich an die frische Luft trete und diese erreiche. Ich suche halt auf dem Boden, der sich aufzulösen scheint. Wo ist mein verdammtes Handy? Völlig entgeistert wühle ich in meiner Handtasche rum und finde es schließlich in einer kleinen Seitentasche. Ich wähle eine Nummer und vertippe mich drei Mal, bis endlich das Freizeichen ertönt.

„Paula, ich brauche dich. Jetzt sofort!“ Ich versuche mir ein lautes Schluchzen zu unterdrücken, was das ganze leider nur noch verschlimmert. „Emelie, was ist los?“ Die vorbeigehenden Leute sehen mich irritiert an. Mittlerweile habe ich mich mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt und sacke immer weiter Richtung Boden. „Du musst kommen, ich weiß nicht mehr weiter. Er ist weg“ Mir fällt es unangenehm schwer, über meine Probleme zu reden. Ich mochte es nicht, andere damit zu belasten. Vor allem nicht meine Schwester. Wir hatten bereits genug durchgemacht. „Hey, jetzt beruhig dich erst einmal. Wo bist du?“

Ich versuche mich zu beruhigen und erzähle Paula von meinem Termin. Ich kann nicht mehr alleine damit fertig werden, ich erwarte keine Hilfe. Gerade jetzt brauche ich jemanden, der mir in diesem Moment ein Ohr schenkt. Paula verspricht mir, den nächsten Zug zu erwischen und ich lege auf. Mein Kopf fällt gegen die Hausmauer und ich blicke zum Himmel.

Zwölfstunden später klingelt es an meiner Wohnungstür. Endlich. Abrupt öffne ich die Tür und falle meiner Schwester in die Arme. „Du erdrückst mich“ murmelt Paula und lächelt mich schief an. Als sie jedoch meine geröteten Wangen und verheulten Augen erblickt, versteinert ihr Gesicht und das Lächeln weicht. „Hast du dir schon Gedanken gemacht, wie es weitergehen soll?“ Ich schüttele den Kopf und erneut treten einige Tränen in meine Augen. Paula schnaubt aus und geht mit mir zu meinem Bett. Viel Platz habe ich in meiner Wohnung nicht. Sie sieht sich erst einmal um, es ist das erste Mal seit meinem Umzug, dass Paula mich besuchen kommt.

„Ich habe mir Sorgen gemacht, wir alle haben uns Sorgen gemacht.“ Paula versucht in mein Gesicht zu blicken und irgendeine Emotion wahrzunehmen. Ich versuche nicht daran zu denken, wen sie mit den anderen gemeint haben könnte und pruste in ein Taschentuch. „Rede endlich mit mir“ fordert sie forsch. Ich hatte Paula noch nie die ganze Geschichte von mir und Joel erzählt und wusste, dass die Zeit gekommen war, wenn ich ihre Hilfe wollte. Also holte ich tief Luft und fing an.

„Hi“, war das Einzige, was ich in diesem Moment ausdrücken konnte. Meine Knie wurden butterweich und mein Ärger verflog so leicht, wie ein Schmetterling. „Willst du dich nicht zu mir setzen?“, sagte er vorsichtig. Ich zeichnete in Gedanken seine vollen Lippen nach und versank in seinen blau-grünen Augen. Mein Mund schnappte nur einen leichten Atemzug und ich blickte mich zunächst um, ob er auch wirklich mich gemeint hatte. Da war niemand, also setzte ich mich, bevor ich über meinen nächsten Schritt nachdenken konnte.

Meine Finger tippten nervös auf meinen Oberschenkeln, ein schreckliche Angewohnheit. Joel wandte seine Augen nicht von meinen ab. „Ich… Äh… Du…, Ich wollte dir dein Geld wiedergeben. Vielen Dank für die Einladung, aber ich bin nicht so eine“, langsam kehrte meine Vernunft zurück, obwohl ich immer noch versuchte seinen Blicken auszuweichen. „Du bist nicht so eine?“ Joel zog eine Augenbraue hoch und ich kam mir irgendwie dämlich vor. „Ja, eine die sich einladen oder aushalten lässt. Eine, die leicht zu haben wäre.“ Was hatte ich gesagt? Eine, die leicht zu haben wäre? Ich suchte mit meinen Füßen ein Loch zum Versinken.

Joel grinste „Vielleicht verrätst du mir einfach deinen Namen als Dankeschön?“ und hielt mir wiederholt die Hand hin. „Emelie“, antwortete ich kleinlaut.

Paula liegt mittlerweile ausgestreckt auf meinem Bett, stützt den Kopf auf ihre Hände und hört mir aufmerksam zu. Ich komme mir vor wie in einem Kinofilm, als ich die Geschichte Revue passieren lasse. Irgendwie scheint das alles immer noch so unwirklich zu sein. Mittlerweile mache ich mich bettfertig und es tut unglaublich gut meine Schwester bei mir zu haben. „Und was ist dann passiert? Wie geht es weiter?“, bohrt Paula. Ich lehne an dem Türrahmen zum Badezimmer. „Joel hat mich nach einem Date gefragt.“, murmle ich aus meinem Mund, der mit Zahnpasta gefüllt ist. „Und?“, wollt sie wissen.

Vor oder Zurück?

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