[Blogroman] Joel und Emelie 6

Ich wurde nervös, denn irgendwie ging er mir seit unserer Begegnung nicht mehr aus dem Kopf. Dabei war ich nicht hier, um irgendwelche Männer anzuschmachten, sondern wollte an meiner neu gewonnen Freiheit festhalten. Konnte er sich nicht ein anderes Café suchen? Ich verdrehte die Augen, als im Radio auch noch ein Lied von Cro lief und setzte mich schnaubend auf meinen Platz. „Bye bye, meine Liebe des Lebens“, trällerte es und ich war glücklich, als Edith glücklicherweise bereits mit meinem weißen Kakao, um die Ecke kam.

Ja, man kannte mich hier mittlerweile. Kakao verbindet. Edith, die ältere Bedienung musste meine vorsichtigen Blicke zu dem Mann bemerkt haben, dabei versuchte ich wirklich unauffällig zu wirken, denn sie stieß mich an und ihr Kopf nickte in seine Richtung. Ich sah sie streng an und schüttelte vorsichtig meinem Kopf, in der Hoffnung, dass er nichts mitbekommen hatte. Glücklicherweise gab sie nach und ging. Mein Blick wanderte aus dem Fenster, ich entspannte mich und genoss meinen Kakao.

Als es Zeit war zu gehen, suchte ich vergeblich mein Portemonnaie. In meiner Tasche war mein Lippenstift, mein Handy, unzählige Tampons und eine Flasche Wasser, aber mein Portemonnaie glänzte vor Abwesenheit. Ich wurde panisch, noch nie war mir so etwas passiert. Wild und entschlossen, dass ich doch noch etwas Geld in meiner Tasche finden würde, durchsuchte ich alle kleinen Taschen und auch die zerschlissenen Löcher. Es war nichts da. Die Röte stieg mir ins Gesicht und ich sah mich helfend um.

Der Mann beglich gerade seine Rechnung, schenkte mir beim Herausgehen einen verführerischen Blick und ging. Zum Glück, bekam er so die Tragödie nicht mit, dachte ich mir und winkte Edith zu mir ran. Ich erzählte ihr von dem Unglück, flehte um Gnade und versprach, das Geld gleich den nächsten Tag vorbeizubringen. Edith grinste und ich verstand die Welt nicht mehr. Sie erzählte mir, dass der nette Mann, die Rechnung übernommen hätte. Die Röte wich nicht mehr zurück, ich muss wie eine Tomate ausgesehen haben. Hatte er es etwa doch mitbekommen? Ich nickte, packte meine Tasche und lief hinaus. Mir was das äußerst unangenehm, ich wollte kein fremdes Geld annehmen und rannte erst nach links und dann nach recht, um dem Mann zu finden.

Wie in einem schlechten Film, war der Mann jedoch spurlos verschwunden. Meine Hoffnung war, dass er nochmal zu dem Café zurückkehren würde, also trat ich zunächst den Heimweg an. Zuhause angekommen, legte ich mich auf mein Bett, denn es fing mittlerweile an zu regnen. Ich klappte mein Laptop auf und schaute mir eine Serie an, jedoch bekam ich davon nicht viel mit. Meine Gedanken kreisten um diesen Mann. Er hatte so etwas Geheimnisvolles an sich und wirkte trotzdem vertraut. Wieso hatte er meine Rechnung übernommen und wieso kam er immer wieder zurück in dieses Café? Edith erzählte mir, dass sie den Mann bisher nie gesehen hatte, erst als ich das erste Mal aufgetaucht bin und seitdem kam er fast täglich. Ich zerbrach mir den Kopf, malte mir unser Wiedersehen aus und schlief schließlich ein.

Nächsten Tag wollte ich aus meinem Schneckenhäuschen kommen, ein wenig Wirbel in mein Leben bringen. Also beschloss ich zur Abwechslung, noch einmal in das Café zu gehen. Es war nicht Mittwoch, es war eigentlich nicht mein Tag. Vielleicht hatte ich Glück und er war wieder da. Zuvor musste ich jedoch noch etwas erledigen.

Mir fiel im Internet eine Stellenanzeige auf und dieses Mal wollte ich mein Glück selbst in die Hand nehmen. Ich zog mein bestes Kostüm an, lockte meine Haare und trug etwas mehr Make-Up auf. Dann packte ich meine geschriebene Bewerbung ein und fuhr mit der Bahn in ein Industriegebiet und gab die Bewerbung persönlich ab. Dies sollte meine Chancen erhöhen. Edith gab mir vor einer Woche den Tipp, dass dies in Hamburg gern gesehen sei. Der Chef war leider nicht persönlich zu sprechen, man würde sich die Tage bei mir melden. Es war meine letzte Chance, bevor ich meine Adoptiveltern um Hilfe bitten müsste und das war für mich eigentlich keine Option.

So aufgebrezelt fühlte ich mich ein wenig unwohl und überlegte, mich noch einmal umzuziehen, aber da ich später noch einen Termin bei der Arbeitsagentur hatte, ersparte ich mir den Extraweg. Mein Herz blieb stehen, als ich den Mann vor mir in das Café einbiegen sah und ich überlegte kurzzeitig meine Mission abzublasen. Ich musste jedoch wissen, wer dieser Mann war, woher er kam und warum er sich das Recht herausnahm, meine Rechnungen zu begleichen.

Mein Körper baute sich auf, ich riss die Tür schwungvoll auf und folgte dem Mann zu seinem Platz. Als er sich umdrehte, schaute er mich zunächst erschrocken an und setzte sich mit einem Grinsen auf den Lippen auf seinen Stuhl. Meine Lippen versuchten einige Worte zu formen. Ich versuchte etwas zu sagen, meinen gedanklichen Ablauf durchzuführen, aber aus meinem Mund kam nichts. Der Mann streckte mir seine Hand aus und begrüßte mich mit einer dunklen, aber klangvollen Stimme, mit den Worten „Hi, ich bin Joel“.

Vor oder Zurück ?

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