[Blogroman] Joel und Emelie 5

Es vergingen einige Wochen und ich bummelte meinen Resturlaub ab, um einiges vorzubereiten. Mein Auto verkaufte ich an eine alte Schulfreundin, denn ich wollte nicht gänzlich auf den Kosten meiner Adoptiveltern leben. Mit dem Zug reiste ich schließlich nach Hamburg.

Es war mir wirklich wichtig, so schnell wie möglich ein neues Leben anzufangen, bevor mir die Decke auf den Kopf fiel. Ich war noch nie in Hamburg, auch nicht mit meinen leiblichen Eltern. Es schien mir der richtige Ort zu sein, denn hier war ich weit weg von allem. Lediglich meine Schwester fehlte mir sehr. In einem Handyladen kaufte ich mir eine neue Simkarte, denn Max hatte mich einige Male versucht anzurufen, aber ich wollte es nicht hören. Die neue Nummer war nur für meine Schwester und meine Adoptiveltern gedacht. Ich schloss mit meinem alten Leben ab.

Ellen half mir vorab über das Internet eine passende Wohnung zu finden und obwohl ich es mehrfach ablehnte, wollte sie ein Teil der Miete übernehmen. Letztendlich stimmte ich zu und kam ihrer Bitte nach. Das Geld sollte mir in der ersten Zeit helfen und sie würde es einstellen, sobald ich mich eingelebt hatte. Wir beide wussten, dass es eine Lüge war, aber gegen Ellens unberechenbaren Willen, kam man nur schwer an.

Da war ich nun, in meiner ersten eigenen Wohnung in Hamburg und ohne Job, denn ich erhielt meine erste Absage. Das Leben ist nicht immer, wie man es sich ausmalt, aber das war ich bereits gewohnt. Meine Wohnung war bereits möbliert und ich liebte sie. Es war eine der klassischen Altbauwohnungen in einer der vielen Hochhäuser, mit ihren hohen Wänden und verzierten Stuckleisten. Der Holzfußboden knirschte unter den Füßen und ein kleiner Balkon, war zum Innenhof gerichtet. Sie war klein, fasste zwei Zimmer, aber es genügte mir. Meine Arbeitslosigkeit sollte kein Dauerzustand bleiben, also begab ich mich auf die Suche. Ich packte meinen Laptop ein, kaufte mir in einer naheliegenden Tankstelle einige Zeitungen und machte mich unterwegs auf die Suche nach einem Café, wo ich etwas verweilen und nach einem Job suchen konnte.

Dieses eine Café zog mich gleich in seinen Bann. Es wirkte winzig, hatte wenige Plätze und ich fragte mich, ob sich so ein kleines Café überhaupt rentiert. Die Tische und Stühle waren verspielt, die ältere Bedienung lächelte mich freundlich an. Es wirkte so alt und gab mir ein heimisches Gefühl. Hier wollte ich bleiben.

Als ich meine Unterlagen hervorgekramt hatte, bestellte ich mir einen großen Kakao und war etwas verwundert, als dieser mit weißer Schokolade serviert wurde. Man lernt nie aus, denn dieser schmeckte unfassbar gut. In der Zeitung und im Internet fand ich einige spannende Stellenanzeigen, die ich herausschrieb und später anrufen wollte.

Gerade als ich meine Sachen vorerst wegpackte erblickte ich einen gutaussehenden Mann, der gerade zur Tür hereinkam und die Bedienung freundlich begrüßte. Er machte mich irgendwie neugierig, also hielt ich noch etwas inne und sparte mir den letzten Schluck des weißen Kakaos noch wenig auf. Meine Augen verfolgten ihn, bis zu seinem Platz, als er plötzlich aufsah und meinem Blick entgegensah. Etwas erschrocken wandte ich meinen Blick wieder ab und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Als ich kurze Zeit später wieder aufblickte, lag sein Blick noch immer auf meinem.

Ich wurde rot und schluckte schnell den Rest meines Kakaos hinunter. Es war Zeit für mich gekommen zu gehen, denn schließlich hatte ich noch einiges vorgehabt und wollte mich nicht ablenken lassen. Ich legte das Geld passend auf den Tisch, nahm meine Tasche und ging ohne zurück zu blicken aus dem Café. Manchmal ärgerte ich mich darüber, wie steif und nervös ich sein konnte. Mein Leben war jedoch so unglaublich durcheinander, so verworren und verzwickt, dass ich es nun selbst in die Hand nehmen wollte. Ohne Männer, ohne Chaos, nur ich und eine neue Stadt.

In den nächsten Wochen wurde es zu meinem Ritual jeden Mittwoch in dieses Café zu gehen. Ich suchte nach neuen Konstanten und fing damit an. Es gab mir Sicherheit und eine Basis, auf der ich aufbauen konnte. Fast täglich telefonierte ich mit Paula und berichtete ihr von den schönen Dingen, die ich bereits in Hamburg unternommen hatte und es gab noch so viel mehr zu entdecken. Ich hatte mir definitiv die schönste Jahreszeit für meinen Umzug ausgesucht. Es war Frühling und die Kirschbäume blühten in den Parks. Die Menschen kamen gerade wieder aus ihren Häusern gekrochen, um am Leben teilzunehmen. Die Stadt war voll und die Sonne kitzelte auf der Haut.

Von der Begegnung mit diesem schönen Mann, erzählte ich ihr jedoch nicht. Bislang hatte ich ihn nicht wieder getroffen und wollte dieser zufälligen Begegnung keine Aufmerksamkeit schenken. Paula hingegen schwärmte von ihrem Studium und ihrem ersten Partner, den sie dort kennenlernte. Sie erzählte mir von einem Zusammenstoß mit Max und dass dieser von seinem Vater für ein Auslandssemester nach England geschickt wurde und auch von Ellen und Patrick, die mich alle schmerzlich vermissen würden.

Ich freute mich, dass Paula bei Ellen und Patrick ein neues Zuhause gefunden hatte, wo sie glücklich werden konnte, obwohl ich sie schmerzlich vermisste. Auch, dass sie einen Partner an ihrer Seite hatte und betete zu Gott, dass sie nie das gleiche wie ich durchmachen muss. Meine Berufssuche verlief immer noch schleppend. Mit 25 Jahren, ohne Kinder mit wenig Berufserfahrung einen Job zu finden, war schwerer als gedacht. Paula erzählte ich dies ebenfalls nicht, sie sollte sich nicht unnötig Sorgen machen. Mit meinem ersparten konnte ich noch maximal 2 Monate überbrücken. Das erste Mal, war ich Ellen für ihre Hartnäckigkeit mehr als dankbar.

Es verging mal wieder eine erfolglose Woche. Ich war mit meinem Latein am Ende. Wie jeden Mittwoch ging ich zu meinem Lieblingscafé und versuchte dort neue Perspektiven zu schöpfen, als ich plötzlich wieder diesen Mann erblickte.

Vor oder Zurück ?

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