[Blogroman] Joel und Emelie 45

Joel

„Wir waren im alten Jugoslawien in der Nachkriegszeit stationiert, eingeteilt zur Flüchtlingshilfe. Kinder und Frauen versorgten, verpflegten und registrierten wir. Wir halfen bei Asylanträgen und dem Transport.“ Nie werde ich all das Elend vergessen, was uns dort tagtäglich über den Weg lief. Verstörte Kinder, geschändete Frauen. Kinder, die ihre Väter verloren haben. Ehefrauen, die zur Witwen geworden sind.

Mir ist nicht wohl dabei, Emelie einzuweihen. Doch sie wird nicht bleiben oder mir vertrauen, wenn ich weiter flüchte und nach Ausreden suche. Die Männer denken, wir arbeiten zusammen. Sie denken, dass sie längst involviert ist. Und sie würden alles dafür tun, dass die Wahrheit niemals an die Öffentlichkeit gelangt. Etwas was ich schon längst getan hätte, nur wird mir niemand glauben. Nicht ohne Beweise.

Keiner dieser Mädchen wird reden. Sie wissen nicht, wem sie vertrauen können. Sie sehen keinen Ausweg. Ich hole tief Luft, versuche mich an vergangenes zu erinnern. Eine geschlossene Tür meines Gedächtnisses, die ich so oft wie es geht, verdrängen zu versuche. Ich stehe auf, brauche etwas Bewegung.

„Möchtest du auch etwas trinken?“, frage ich sie, währenddessen sie mich wieder mit diesen eindringlichen Blicken beobachtet. Ein schüchternes Nicken. Viel hat sie noch nicht geredet. Vermutlich sehe ich nach all diesen Jahren nicht einmal mehr, welche Belastung dieses Leben birgt. Ich gehe in die offene Küche, hole zwei Gläser aus dem Hängeschrank und und fülle sie mit etwas Leitungswasser aus dem Hahn. Ich nehme bereits einen großen Schluck und fülle meines noch einmal war. Meine Kehle ist staubtrocken.

Ich hätte nicht gedacht, sie jemals wiederzusehen. Meine Flucht war eine Kurzschlussreaktion. Eine Reaktion, die mir geholfen hat schnell zu handeln und zu fliehen, bevor ich darüber nachdenken konnte, was ich tue. Nun ist sie wieder hier. Und ich werde sie nie wieder gehen lassen. Ich kann nicht.

Sie nimmt mir das Glas ab und nimmt ebenfalls einen hastigen Schluck. Zusammengekauert sitzt sie auf dem Sessel, ihre Haare sind zu einem Zopf hochgesteckt und noch feucht von der Dusche. Sie sieht verändert aus. Ihre Augen sind blau unterlaufen, ihr Blick wirkt müde. Ich würde sie so gerne in meine Arme schließen, möchte ihr sagen, dass alles wieder gut wird. Ich werde sie beschützen und wenn es das letzte ist. Doch ihre Augen verraten mir, dass ihr Herz gebrochen ist und ihre Seele vergiftet.

„Ich war noch so jung damals. Es war mein erster Auslandseinsatz. Alles war so aufregend und neu, aber ich nahm das alles zunächst sehr gelassen. Scherte mich nicht über diese Menschen, konnte mich nicht einmal mit ihnen unterhalten. Alles lief über die Korrespondenten ab.“ Ich setze mich wieder hin und stelle mein Glas auf dem Couchtisch ab.

„Eines Tages fielen mir Unstimmigkeiten in den Dokumenten auf. Namen verschwanden, Listen wurden manipuliert. Ich hielt es zu Beginn für ein Zufall, dachte ich hätte mich geirrt.“ Vermutlich dachten Sie damals, dass ich als Neuling sowieso keine Ahnung von meiner Arbeit hätte. Heute bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich es nur nicht sehen wollte oder wirklich nicht gesehen habe.

„Ich ging zu meinem Vorgesetzten und informierte diesen, dass Namen fehlten und ich mir nicht erklären könnte, wo diese geblieben seien. Auch, dass ich die Frauen und Kinder nicht mehr finden konnte. Doch er tat es ab. Sagte, dass ich mir nicht so viele Gedanken machen solle und diese vermutlich nur in ein neues Lager gezogen seien und von anderen Soldaten betreut werden.“

„Ich verstehe nur nicht, was ich damit zutun haben soll“, flüstert Emelie. Versteht sie es denn wirklich nicht oder will sie es auch nicht sehen? Sie muss doch etwas wissen. Eine Ahnung haben oder sonst was. Doch ihr ratloser Blick bestätigt meine Vermutung. Nein, sie weiß gar nichts. Und das macht alles noch viel schlimmer. Wären wir uns nie über den Weg gelaufen, könnte Emelie nun in Ruhe ihren Weg weitergehen. Ich bin eine Belastung für sie. Vermutlich noch schlimmer als ihr Exfreund, von dem sie mir erzählt hat. Doch nun gibt es kein zurück mehr. Das Schicksal wollte, dass wir uns treffen und das Schicksal hat uns nun wieder zusammengeführt.

„Du wirst es bald verstehen“, antworte ich. Thierry hat mich letztendlich gebeten, mit ihr zu sprechen. Denn sie könnte Informationen haben, die uns weiterhelfen können. Sie nimmt sich die Decke, die auf der Armlehne liegt, breitet sie aus und legt sich diese um. Ihr ist kalt. Ob ich die Heizung höher drehen sollte?

„Dann rede weiter“, fordert sie mich auf. Doch nun kommen wir zum unangenehmen Teil, welcher mir wirklich schwer fällt.


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