[Blogroman] Joel und Emelie 44

[Blogroman] Joel und Emelie 44

Joel steigt aus dem Fahrzeug, geht um dieses herum und öffnet die andere, der hinteren Tür. Meine Brust hebt und senkt sich in einem unerträglichen Tempo. Wo bin ich hier hineingeraten? Er setzt sich auf den Platz neben mir und zieht die Tür mit einem Ruck erneut zu. Ich beobachte jede seiner Bewegungen, mache mich auf das Schlimmste gefasst. Er kann mich nicht ansehen, während mein Blick ihn jedoch förmlich durchdringt.

„Was mache ich hier?“, höre ich mich flüsternd und mit bedacht sagen. Noch immer kann ich mich kaum bewegen. Es ist wie eine Angststarre eines gejagten Kaninchens, was keine einzige Fluchmöglichkeit mehr sieht. Er reibt seine Handflächen an seiner Jeans. Ist er etwa nervös? Für einen kurzen Augenblick lässt er mich in seine grünen Augen sehen, bevor er seinen Blick wieder senkt. Ja, er wirkt furchtbar nervös. Ob er Angst vor dem nächsten Schritt hat? Wird er mir etwas antun? Mit meiner rechten Hand taste ich vorsichtig nach dem Türgriff, um diesen in einem günstigen Moment öffnen zu können. Gerade als ich ihn gefunden habe, atmet Joel hörbar ein und meine Hand erstarrt.

„Du kannst jederzeit gehen“, ich sehe wie er seine Augen zu meiner Hand richtet und merke, wie mir die röte ins Gesicht steigt. Langsam lege ich meine Hand wieder auf meinen Schoß und atme die angehaltende Luft zitternd aus. Noch bevor ich wieder einatmen kann, um etwas zu sagen, übernimmt Joel das Wort.

„Wir hätten uns niemals treffen dürfen.“

„Ach und jetzt bin ich daran Schuld?“, platzt es aus mir heraus und ich hasse mich im nächsten Moment, für diese unüberlegten Worte. Auch Joel sieht mich auf einmal erschrocken an.

„Nein. Nein, so war das nicht gemeint“, druckst er herum. Er schlägt seinen Kopf nach hinten, als suche er nach den richtigen Worten. „Ich habe dich da unbewusst in etwas hineingezogen, was uns in Gefahr bringen wird. Ich kann dir leider nicht alles erzählen oder erklären, denn jedes Wort, wird alles nur noch verschlimmern.“

Ein Kloß bildet sich in meinem Hals. Was hat das nur alles zu bedeuten? „Aber wie soll ich mich vor etwas schützen, wenn ich nicht weiß wovor?“, gebe ich meine Gedanken wieder. Einen kurzen Moment herrscht wieder eine unerträgliche Stille. Er schaut suchend an die Decke und wendet sich nach einer viel zu langen Minute wieder zu mir. Sein Gesicht hat sich plötzlich verändert. Einige nachdenkliche Falten haben sich gelöst und ich meine etwas wie Verständnis in seinem Blick wiederzuerkennen.

„Ich werde dir erzählen, was du wissen musst. Doch zuallerst bitte ich dich, die Nacht zu bleiben. Der Fahrer, der uns hiergebracht hat ist ein Freund von mir. Als wir von deiner Festnahme erfuhren, mussten wir schnell handeln. Diese Nacht können wir bei ihm bleiben und morgen müssen wir sehen, wie es weitergeht.“ Worte, die mich weiter verunsichern müssten. Jedoch spricht Joel mit so einer ruhigen und gefassten Stimme, dass ich in diesem Moment nicht anders kann, als ihm zu vertrauen. „Lass uns hochgehen und ich verspreche dir, dass ich dir alles erklären werde“, mit einem zögernden Nicken komme ich seiner Bitte nach.

– – –

Noch immer wirkt die Situation völlig surreal. Ich bin hier in einer völlig fremden Wohnung, mit mir unbekannten Leuten. Außer Joel. Joel ist wieder hier. Und ich habe noch keine Ahnung, wie ich das finden soll. Einerseits macht mein Herz Luftsprünge. Es sehnt sich nach ihm. Es gehört ihm. Doch mein Kopf sendet allerlei Alarmsignale. Er schreit nach Flucht. Dennoch hat er gesagt, dass ich jederzeit gehen kann und wundersamer Weise, gibt mir gerade dieser Satz einen Grund zu bleiben.

Dennoch ist seine Nähe unerträglich. Ich achte sehr genau darauf, dass er mir nicht zu nahe kommt. Mein Körper und meine Seele fühlen sich betrogen. Selbst, wenn er gegangen ist, um mich zu schützen, ist er gegangen, wo ich ihn am meisten gebraucht hätte. Ich kann nur hoffen und beten, dass es eine schnelle Lösung für diese Situation gibt.

Mittlerweile ist die Dunkelheit eingebrochen. Nachdem ich der Familie von Joels Bekanntem vorgestellt wurde, frische Klamotten bekommen habe und bei einer heißen Dusche meine Gedanken sortieren konnte, mache ich mich auf dem Weg, um endlich Antworten zu bekommen. Ich darf in einem Gästezimmer schlafen, während Joel es sich auf der Couch im Wohnzimmer bequem gemacht hat. Sie wollten mir zunächst etwas Freiraum geben, bevor ich weitere Details erfuhr. Mein erster Weg führt mich danach zu Joel. Ich habe keine Angst mehr vor ihm, viel mehr habe ich nun Angst vor der Wahrheit. Die Antwort auf die Frage, die mich seit Monaten begleitet. Doch was ist, wenn mir die Antwort noch weniger gefallen wird, als die Unwissenheit?

Als ich dem Raum näher komme, sehe ich bereits eine kleine Lampe schimmern und Joel, der es sich auf der Couch bequem gemacht hat. Aber er ist nicht allein. Luna, die kleine Tochter, die ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten ist, hat sich zu ihm gesellt und Joel liest ihr etwas vor.

„Laura hat einen ganz besonderen Freund, ihren Stern“, höre ich ihn lesen. „Sie erzählt ihm, ob sie traurig ist oder fröhlich oder ängstlich oder mutig.“ Ein Anblick, der mein Herz höher schlagen lässt. Als ich mich versuche gegen die Wand zu lehnen und der Worte zu lauschen, entdeckt mich Luna.

„Hallo“, kichert sie und Joel blickt zu mir auf. Ein unsicherer und erschrockener Blick, der mich zurückholt und an die letzten Monate zurückerinnert. An die fehlende Nachricht, an die schlaflosen Nächte, die grauenhaften letzten vierundzwanzig Stunden. Und an das ungeborene Kind. Mein Lächeln erstirbt und ich richte mich räuspernd wieder auf.

Er erkennt meine geänderte Stimmung und wendet sich Luna zu. „Emelie und ich haben noch was zu klären, kleiner Stern. Ich komm nachher noch einmal zu dir, versprochen.“ Ganz schön viele Versprechen, für jemanden, dem man kaum trauen kann. Luna drückt ihm einen kleinen Kuss auf die Wange und rennt an mir vorbei in ihr Zimmer. Ich hole tief Luft und gehe mit verschränkten Armen weiter in das Wohnzimmer und nehme auf einem der Sessel platz.

„Du hast mir einiges zu erklären, Joel.“

„Und das wird vermutlich die gesamte Nacht dauern.“

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