[Blogroman] Joel und Emelie 43

– Emelie –

Einunddreißig, Zweiunddreißig, Dreiunddreißig. Seit genau einundvierzig Minuten und Moment. Fünfundvierzig Sekunden sitze ich in diesem kaltweißen Raum, blicke zur Uhr und warte auf meine Vernehmung. Sofern sie denn zustande kommt, denn Sebastian gibt draußen gerade sein bestmöglichstes, um mich hier aus diesem Albtraum herauszuholen. Ich soll kein Ton sagen, hat er gesagt. Das würde alles nur noch verschlimmern. Dabei kann ich mir im Entferntesten nicht vorstellen, wieso ich hier festgehalten werde.

Ich und Fluchtversuche. Das ich nicht lache. Dieses warten macht mich lediglich verrückt und lässt das ungute Gefühl einfach nicht weichen, obwohl ich mir keiner Schuld bewusst bin. Etwas nervös lehne ich mich in diesem unbequemen Stuhl zurück und harre der Dinge. Weitere vierundvierzig Sekunden später klopft es plötzlich an der Tür und ich drehe meinen Kopf, um neugierig nachzusehen. Mein Puls steigt.

Ein kleinerer und etwas jüngerer Mann in Uniform blickt verstohlen in den Raum und schaut sich um. „Frau Sommer?“, fragt er. Ich nicke. Auf sein Gesicht wandert ein erleichterter Gesichtsausdruck, als hätte er mich bereits gesucht. Merkwürdig. Er blickt noch einmal in den Flur und tritt dann endgültig in den Raum ein. „Sie müssen bitte mitkommen“, sein Ton wirkt bestimmter. Auch das noch. Sebastian ist noch nicht wieder zurückgekehrt und mich beschleicht ein ungutes Gefühl, dass es nicht in seinem Sinne wäre. Vielleicht bringen sie mich jedoch nur in einen anderen Raum oder ich kann gehen?

Scheinbar benötige ich mal wieder etwas zu lange mit meiner Entscheidung und der Mann macht sich durch ein räuspern wieder bemerkbar und tippt dabei mit seinem rechten Fuß. Ich bin irritiert, jedoch erhebe ich mich von meinem Stuhl, bevor ich weiter nachdenken kann und folge ihm.

Er schließt vorsichtig hinter mir die Tür und zeigt mir in die gegengesetzte Richtung, von der ich zuvor in den Raum gebracht wurde. So ganz richtig, kann das jetzt aber auch nicht sein. Nervös blicke ich über meine Schulter, um Sebastian irgendwo erhaschen zu können, aber vergeblich. Der Mann hat mittlerweile zu mir aufgeschlossen und schiebt mich sanft den Gang entlang.

„Darf ich fragen, wo wir hingehen?“, meine Stimme zittert. Sein strenger Blick jagt mir eine Gänsehaut über meinen Rücken, so dass ich mir kein weiteres Wort erlaube. Einige Schritte später stoppt er mich an einer anthrazitfarbenen Stahltür und holt einen Schlüsselbund heraus. Er wirkt nervös und hat Schwierigkeiten damit den richtigen Schlüssel zu greifen. Am anderen Ende des Flures höre ich ein paar Stimmen und versuche meinen Kopf zu strecken, um Näheres zu entdecken. Doch er greift mich und zieht mich durch die Tür hinaus in den Raum, die er zwischenzeitlich geöffnet hat. Nein, kein Raum. Wir stehen plötzlich auf einem Bürgersteig im Freien, umbringt von riesigen Müllcontainern.

Ein kalter Luftzug kriecht unter meine Kleidung. Ich entreiße meinen Arm aus seinem Griff und fauche ihn an. „Entschuldigung, können sie mir vielleicht einmal sagen, wo wir hinwollen?“

Noch immer kann er mir nicht in die Augen sehen und richtet seinen Blick suchend auf die vorbeifahrenden Fahrzeuge. „Bitte versuchen sie mir zu vertrauen. Diese Männer haben nichts gegen sie in der Hand. Sie werden alles versuchen, dass sie diese Wände nicht mehr verlassen werden, bevor sie nicht wissen, was sie wissen könnten.“ Ich bin irritiert und weiß nicht mehr was ich glauben soll. Dieser ganze Tag, dieser jetzige Moment wirkt so surreal. Es muss ein Traum sein.

Noch bevor ich etwas erwidern kann, hält vor uns ein schwarzer Geländewagen mit getönten Scheiben und die hintere Seitentür wird von dem Mann geöffnet. „Bitte steigen sie ein“, befiehlt er mir.

„Nein!“, gebe ich scharf zurück. Er verdreht seine Augen und befördert mich kurzerhand mit einem eher unsanften Hieb in das Fahrzeug. Darauf bin ich nicht gefasst. Taumelnd lange ich beinahe liegend auf dem Rücksitz und kann gerade noch meine Beine einziehen, bevor er die Fahrzeugtür unsanft schließt. Danach geht er zum vorderen Fenster und nickt dem Beifahrer bestimmend zu. Ich versuche mich aufzurichten, werde aber kurz danach wieder in die Liegeposition zurückbefördert, als das Fahrzeug sich mit erhöhter Beschleunigung wieder in den Straßenverkehrt einfädelt.

Eine Welle voller Gefühle bricht über mich ein. Verzweiflung, Angst und Machtlosigkeit macht sich breit. Tränen bahnen sich ihren Weg und mein Blick verschwimmt. Vor mir sitzen zwei größere Kerle, der Beifahrer hat eine schwarze Kapuze auf und wirkt sehr einschüchternd auf mich. Werde ich gerade entführt? Fühlt es sich so an?

„Entschuldige den Überfall, Emelie“. Was hat er gerade gesagt? Woher kennt er meinen Namen? Ich versuche mich aufzurichten. Durch einen riesigen Kloß in meinem Hals, versagt meine Stimme. „Ich weiß, es ist gerade ein wenig viel für dich. Wir werden dir alles erklären.“ Der Fahrer blickt mich freundlich durch den Rückspiegel an. Ich kann nicht erklären was es ist, aber seine Stimme wirkt beruhigend auf mich. Nur was hat das alles zu bedeuten? Ich lege meine Hand beschützend auf meinem Bauch und bete zu Gott, dass wir hier unbeschadet herauskommen.

Die weitere Fahrt endet schweigsam in einer Tiefgarage, wo der Fahrer den Motor auslässt. Mein Blick ist eingeschüchtert auf den Boden gerichtet. Er öffnet die Tür und wendet sich noch einmal an seinen Beifahrer.

„Ich denke ihr habt einiges zu klären. Ich gehe vor und werde Julia kurz einweihen“, die Worte lassen mich aufhorchen, ich blicke nach vorn. Er legt seine Hand behutsam und mitfühlend auf die Schulter des anderen Mannes und verlässt danach das Fahrzeug. Nachdem er die Tür geschlossen hat, herrscht kurze Zeit eine merkwürdige Stille. Ich kann nichts sagen, ich wüsste nicht was. Was haben wir zu klären?

Der Blick des Mannes scheint nach vorne gerichtet zu sein. Er greift nach seiner Kapuze seines Pullovers und zieht sie langsam herunter, dabei dreht er seinen Kopf leicht zu mir und. Nein. Nein, das darf nicht sein. Sein Blick trifft auf meinen und eine Welle voller Gefühle überrollt mich erneut. Noch stärker und intensiver. Sie besteht auf Hass, Wut und Trauer.

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