[Blogroman] Joel und Emelie 42

Thierry startet bereits den Motor, als ich mich zu ihm geselle. „Was war denn da los? Sag mir bitte nicht, dass du es vermasselt hast. Joel, wir brauchen diese Info.“

„Hey, ein bisschen mehr Vertrauen bitte“, unterbreche ich ihn, „wir werden gleich feststellen, ob die Arbeit der letzten Wochen umsonst war.“ Ich stütze mich auf, ziehe die Waffe heraus und versuche an die hintere Hosentasche zu gelangen, damit ich den weißen Zettel ebenso herausfischen kann. Vorsichtig klappe ich diesen auf.

„Was ist das?“, Thierry beäugt mich von der Seite. Hakim Mansour steht dort. Ein Name. Sofort fällt mir ein riesiger Stein vom Herzen. Eine neue Spur und hoffentlich kommen wir mit dieser wieder ein Schritt weiter. Seit mehreren Jahren versuchen wir die gesamten Wege nun rückwärts aufzunehmen. „Hey, rede mit mir“, wirft er nochmals ein.

„Ich würde sagen, dass das unser Ticket nach Syrien ist.“

„Zeig mal her“, mit der rechten Hand schnappt er sich meinen Zettel und legt ihn auf das Lenkrad, um die Buchstaben entziffern zu können. „Verdammt, konntest du das lesen?“, er verzieht sein Gesicht.

Ich hole mir den Zettel zurück, falte ihn und stecke ihn in meine Tasche zurück. „Wir hatten nicht viel Zeit, aber ja. Hakim Mansour ist unser Mann.“

„Kein Wunder, dass du das lesen kannst, bei deiner eigenen Sauklaue“, gibt er scherzhaft wieder.

„Danke“, ich werfe ihm einen strafenden Blicke zu, „nun lass uns schnell hier wegkommen, bevor deine Familie wach wird.“ Er schaltet den Gang runter und drückt aufs Gas. Mein Blick schweift aus dem Fenster, mein Körper rutscht den Sitz ein Stück weiter herunter und die Anspannung löst sich. Ich wüsste ganz genau, wo ich jetzt viel lieber hinfahren würde. Ein innerer Drang, würde sie so gerne wiedersehen

Beinahe wären wir bereits uns nach meiner Flucht über dem Weg gelaufen. Eines Morgens, als ich wiederholt auf der Suche nach Informationen über Rabia war, erblickte ich sie, als sie gerade aus einem Bäcker kam. Ich flüchtete kurzerhand über die nächstgelegene Treppe zur U-Bahn Station und sie folgte mir. Nachdem ich über Emelie die Wahrheit erfahren hatte, musste ich Thierry endgültig versprechen sie in Ruhe zu lassen. Also versteckte ich mich hinter einer Mauer und sie lief an mir vorbei, rein in die Menschenmenge, die sich dort unten tummelte. Sie sprach einen fremden Mann an und ich witterte meine Chance die Treppen wieder hochzulaufen und zu verschwinden. Das war damals verdammt knapp. Was hätte ich ihr schon sagen können.

Als wir in die Tiefgarage des Hochhauses fahren, zieht sich bereits ein heller Schleier durch die Straßen. Der Morgen ist angebrochen und für uns ist es schleunigst Zeit in die Wohnung zurückkehren, bevor wir in Erklärungsnot kommen. Julia weiß, so viel sie wissen muss. Zu ihrem und Luna’s Schutz.


Nach einem erholsamen Schlaf, den ich bis auf die letzte Sekunde genossen habe, mache ich mich auf dem Weg ins Badezimmer, um zu duschen. Ein letzter Tag erwartet mich in diesem Luxus. Ein letztes Mal nicht allein. Und der Tatsache, Emelie für immer aus meinen Kopf streichen zu müssen. Vorerst. Die Hoffnung stirbt bekanntlich ja zuletzt.

Der Wasserstrahl, der sich lauwarm über meinen Körper ergibt, erinnert mich an unseren ersten Kuss an dem Wasserfall in ihrem Lieblingspark. Ein Moment, den ich nie vergessen werde. Die Gefühle, die sie damals in mir ausgelöst hat, waren unbeschreiblich. Auch, wenn wir uns erst so kurz kannten, wusste ich sofort, dass sie ein wundervoller Mensch sein muss.

Schon bei unserer ersten Begegnung wirkte sie so zerstreut, als wäre sie wie ich auf der Suche nach etwas. Nach ein wenig mehr Frieden und Ruhe. Auf der Suche nach dem Gefühl, endlich irgendwo anzukommen. Ihre letzten Jahre waren wie meine sehr rastlos und unbefriedigend. Und obwohl ich meine Situation ein klein wenig schlimmer einschätzen würde, hatte ich mehr Mitleid mit ihr. Ich wollte sie beschützen und ihr einen Platz zur Erholung der letzten beschissenen Jahre bieten. Doch ich brauchte sie, so wie sie mich brauchte. Für uns war kein Happy End vorbestimmt. Wie sollte ich ihr ein unbekümmertes Leben schenken, wenn ich selbst keines hatte?

Nach einer Weile stelle ich das Wasser aus und binde mir das Handtuch um meine Taille. Thierry hörte ich heute morgen noch einmal die Wohnung verlassen. Keine Ahnung, wo er schon wieder hinwollte. Luna und Julia sind mittlerweile auch bereits wach und bereiten das Frühstück vor. Heute Nacht geht es bereits los, damit wir unbemerkt zum Flugplatz kommen. Jedes Mal, wenn ich daran denke, zieht sich mein Magen zusammen und hinterlässt ein stechenden Schmerz, voller Angst und Einsamkeit.

Ich gehe zum Waschbecken und blicke in den Spiegel. Kaum zu glauben, was ich die letzten Jahre wohl verpasst habe. Feine Falten ziehen sich durch meine Stirn und das erste graue Haar lässt sich ebenfalls blicken. Wie wäre mein Leben heute, wenn ich damals nicht bei diesem Einsatz dabei gewesen wäre? Wenn ich keine Fragen gestellt hätte? Fünf Jahre. Fünf verdammte Jahre, die mir diese Leute und die Bundeswehr geraubt haben. Vielleicht hätte ich irgendwann der Bundeswehr den Rücken gekehrt, hätte eine tolle Frau kennengelernt und wir hätten ein oder zwei Kinder bekommen. Ein Junge und ein Mädchen. Wir wären in ein Vorort gezogen und meine Mutter hätte sich liebevoll um ihre Enkelkinder gekümmert.

Doch das Schicksal hatte einen anderen Weg für mich geplant. Und ich lernte Emelie kennen. Ironie? Denn durch Emelie wurde mir erst bewusst, wie das Leben hätte sein können.

Gerade als ich zum Esstisch gehe, um bei Luna und Julia platz zu nehmen, kommt Thierry in die Wohnung.

„Joel?“, er ruft mich und hat eine Nervosität in der Stimme, die mich aufhorchen lässt.

„Ja?“

„Kommst du mal eben?“, er neigt den Kopf zum Wohnzimmer und ich folge ihm. Ein ungutes Gefühl breitet sich in mir aus.

„Es gibt einen kleine Planänderung für heute“, seine Miene verfinstert sich. „Ich wurde heute früh von einem Kollegen der Kriminalpolizei angerufen und wir haben uns kurz getroffen. Er ist ein Mitwisser und hat mir zugesichert, dass er sich meldet, sobald ihm etwas ungewöhnliches auffällt.“ Nun fängt er an rumzudrucksen und blickt auf den Boden.

„Was ist los?“ Er redet um den heißen Brei. Das kann nichts gutes bedeuten. Nach einer kleinen Schweigepause guckt er mir wieder ernst in die Augen.

„Sie haben sie. Sie wissen, wer sie ist“, ein kalter Schauer läuft meinem Rücken hinunter. Bitte lass meine Vermutung nicht wahr sein. „Emelie. Sie haben Emelie festgenommen.“

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