[Blogroman] Joel und Emelie 41

Vorsichtig, aber bestimmt bahne ich mir den Weg zu dem dunklen Eingang. Auf das selbstsichere Auftreten kommt es an. So zutun, als würde man dazu gehören. Trotzdem spüre ich meinen Puls bis in die Fingerkuppen pulsieren und die Handinnenflächen werden feucht. Ich öffne die Tür und betrete eine stickige und verrauchte Bar. Nach einem zwielichtigen Bordell sieht es gar nicht aus, warum auch. Ein breiter Kerl, der sich als Türsteher entpuppt, mustert mich von Kopf bis Fuß und lässt mich mit einem Nicken endgültig eintreten. An der Bar sitzen bereits zwei schlaksige Männer und trinken ihr Bier. An der Wand hängen Dartscheiben, eine Tanzstange steht im Mittelpunkt des Raumes und der hölzerne Boden klebt unter meinem Schuhsohlen.

Ich erinnere mich an Thierrys Worte und gehe zielgerichtet zur Bar, die sich am Ende des Raumes befindet und setze mich auf einen der runden Barhocker. Der glatzköpfige Mann hinter der Bar guckt mich durch seine silberschimmernde Pilotenbrille neugierig an und wendet sich mir zu.

„Was darfs sein?“, seine Augenbraue wandert misstrauisch hoch. Ich ziehe meine Kapuze von meinem Kopf und streiche mir durch das Haar. Hier wird mich sowieso niemand erkennen. Diese Leute sind nur die Endstation und haben mit den Strippenziehern so gar nichts am Hut. Sowie unzählige Dealer auf den Straßen, die keine Ahnung davon haben, was sich hinter den Kulissen eigentlich abspielt.

„Ein Bier“, gebe ich bestimmt wieder. Meine Sitznachbarn mustern mich ebenfalls von der Seite und der Kellner füllt den Krug an der Zapfstation, um mir anschließend das Bier zu reichen. „Und Lexie“, was nicht ihr echter Name ist, aber scheinbar fällt den diesen Typen leichter ihnen irgendwelche deutschen Namen zu geben. Spätestens jetzt habe ich von allen die volle Aufmerksamkeit, denn nur über die verbotenen Portale gelangt man an die Liste und Bilder der Mädchen.

„Du siehst gar nicht aus, als würdest du auf unsere Mädels abfahren“, der Kellner fällt in ein herablassendes Lachen und meine Sitznachbarn stimmen mit ein.

„Dafür erfüllst du zum Glück jedes Klischee,“ meine Miene verfinstert sich und das Lachen verstummt. Meine Hände verkrampfen sich an dem Bierkrug und am liebsten hätte ich den Laden aufgeräumt, aber deswegen bin ich nicht hier.

Der Kellner räuspert sich und blickt zur Uhr. „Lexie ist noch beschäftigt, aber wir finden sicherlich noch jemanden für dich“, er zwinkert mir zu. Was ein Mistkerl.

„Ich bin nur für sie gekommen, dann warte ich.“ Ich schnappe mir meinen Bierkrug und verlasse die Bar. Auf das dumme Geschwätz habe ich wirklich keine Lust. In einer der dunkleren Ecken finde ich auf einem grünen Sessel platz und versuche die Anspannung loszuwerden. Ich habe irgendwie gehofft hier früher raus zu sein. Umgeben von diesen Mistkerlen kostet es mich einiges an Selbstbeherrschung, nicht die Fassung zu verlieren. Gerade, weil solche Leute der Grund sind, wieso ich in diesem ganzen Mist feststecke. Männer, die sich an Frauen gegen ihren Willen vergreifen. Und es fängt bereits so früh an. Es macht mich noch immer krank zu wissen, dass selbst Emelie so schlechte Erfahrungen mit ihrem Exfreund machen musste. Ein Leben, was sie überhaupt nicht verdient hatte. Ich hoffe, wenn dieser ganze Mist vorbei ist, dass sie mir vielleicht auch irgendwann einmal verzeihen kann.

Wir sind durch Rabias suchender Mutter auf sie aufmerksam geworden. Rabia ist der richtige Name des Mädchens. Sie gab Thierry in Syrien ein Bild mit und flehte um Hilfe. Sie wollte durch den Flüchtlingsstrom nach Deutschland kommen, aber bis heute hat sie keine Mitteilung Ihrer Tochter erhalten. Nach wochenlanger Suche verdichteten sich unsere Vermutungen und wir konnten Rabia anhand eines Bildes im Internet in Hamburg finden. Es gibt für uns zunächst keine Möglichkeit sie zu befreien, aber wir versuchen unser bestmögliches. Leider sorgen diese Leute dafür, dass die Papiere dieser Mädchen abhanden kommen und sie in Deutschland gar unsichtbar werden. Niemand bemerkt durch die offenen Grenzen, wer nach Deutschland gekommen ist und wer vielleicht nicht mehr auftaucht. Ein riesengroßes Geschäft hat sich durch die Not dieser Menschen entwickelt und noch viel schlimmer ist, wer die Mittäter sind. Und warum wir, eigentlich unbedeutende Soldaten, da nun unfreiwillig mit hineingezogen werden.

Leider sind diese kleinen unbedeutenden Maden, die letzte Haltestelle der Mädchen und lediglich die, die das Geld dafür hingelegt haben. Alles andere geht noch weit darüber hinaus. Der Staat sieht entweder weg oder steckt mittendrin. Der Polizei sind die Hände gebunden. Ziemlich jeder weiß, was sich hier hinter den Türen abspielt, aber seitdem die Prostitution in Deutschland legalisiert wurde, ist es schwer nachweisbar geworden. Keiner würde uns also jemals zuhören, wenn wir nicht den Anfang gefunden haben.

Eine Viertelstunde später stolpert ein sichtlich amüsierter und angeheiterter Typ aus dem offenen Gang in der Nähe der Bar. „Hey Kleiner, deine Zeit ist gekommen“, ruft mir der Mann hinter der Bar zu. Klein, das ich nicht lache. Ich bin mindestens einen Kopf größer als dieser speckige Mistkerl und könnte ihm schneller als ihm lieb ist sämtliche Knochen brechen. Ich nicke ihm düster zu und gehe in Richtung des Flures. „Zimmer 5, auf der rechten Seite. Viel Spaß“, höre ich ihn noch lachen, bevor ich bei der Zimmertür angekommen bin.

Ich atme tief ein, schließe meine Augen und mache mich beim Öffnen der Tür auf das gefasst, was mich gleich erwarten wird. Ein junges, syrisches Mädchen blickt mich ängstlich mit ihren großen dunkelbraunen Augen an und kauert in Unterwäsche auf dem Bett. Sie wirkt benommen und ihr Bick ist leer. Noch bevor sie ihren studierten Kram äußern kann, übernehme ich das Wort.

„Rabia, ich tue dir nichts. Du musst mir vertrauen und sagen, welcher Mann dich aus Syrien hergebracht hat. Deine Mutter hat uns geschickt“, flüstere ich, um sie nicht zu verschrecken. Ihre Augen weiten sich und werden aufmerksamer. Sie wird nicht alles verstehen, was ich ihr sage, also versuche ich es einfach zu halten.

„Mama? Mann? Syrien?“, gibt sie schüchtern wieder. Ich nicke. Auf einmal schaut sie sich jedoch verängstigt in dem Raum um, als könne uns jemand hören. „Ich nichts wissen. Nein, nicht wissen“, ihre Stimme klingt hysterisch.

„Rabia, vertrau mir bitte“, flehe ich sie an. Sie ist unsere letzte Hoffnung auf eine Spur, bevor es für mich morgen wieder nach Syrien geht. Ihre darauffolgenden Blicke kann ich nur schwer deuten. Es ist eine Mischung aus Angst, Hilflosigkeit und innerem Kampf. Unvorstellbar, was die Männer ihr angetan haben müssen. Als ich meine Hand nach ihr ausstrecke, fängt sie plötzlich an zu schreien. „Hilfe, Hilfe“, ruft sie und nur wenige Sekunden später reißt jemand schwungvoll die Tür auf und vor mir steht der Barkeeper, begleitet von zwei großen muskulösen Männern.

„Ich wusste, dass du für Ärger sorgen würdest“, knurrt mich der Speckige an, als mich die beiden Männer packen, um mich heraufzubefördern. Ich versuche mich zu währen, aber gegen diese Brecher bin selbst ich machtlos. In diesem ganzen Trubel steckt mir Rabia plötzlich einen kleinen Zettel in meine hintere Hosentasche zu und beim Herausgehen entdecke ich eine kleine Kamera, welche sich auf einer Kommode befindet. Das erklärt einiges. Wer weiß, was sie mit ihr für diese Informationen angestellt hätten. Ich werfe einen Blick über meine Schulter und sehe ein letztes Mal in ihre traurigen, leeren Augen. Ein Schauer jagt mir bei diesem Anblick erneut über den Rücken.

„Lass dich hier nie wieder blicken“, unsanft werde ich auf die Straße befördert und raffe mich wieder auf, um rasch zu Thierry zu laufen, bevor sie noch auf andere Ideen kommen. Sie wissen ganz genau, dass ich eh nichts gegen sie in der Hand habe. Das war auf jeden Fall verdammt knapp und ich hoffe, dass die Aktion nicht umsonst war.

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