[Blogroman] Joel und Emelie 40

[Blogroman] Joel und Emelie 40

Glücklicherweise wendete sich alles zum Guten. Emelie tauchte wie durch ein Wunder doch noch auf und ich zeigte ihr meinen bisherigen Schlafplatz auf einer Dachterrasse der vielen Hochhäuser Hamburgs, bevor ich bei Thierry Unterschlupf gefunden habe. Natürlich erzählte ich ihr das nicht. Dort oben erwartete uns ein atemberaubender Sonnenuntergang und ich fühlte mich auf Anhieb total wohl in ihrer Nähe. Ihr muss es ähnlich ergangen sein, denn schließlich schliefen wir auf der Dachterrasse ein und wurden erst am nächsten Tag wach.

Anschließend lud ich sie zu einem Frühstück bei einem nahegelegenen Bäcker ein wo wir jedoch kurz darauf wieder verschwinden mussten. Ein Typ musterte mich bereits misstrauisch, als ich unser Frühstück bestellte und als er dann kurze Zeit später sein Handy in die Hand nahm, um zu telefonieren, schrillten bei mir sämtliche Alarmglocken. Er kam mir plötzlich bekannt vor, denn ich fühlte mich bereits längere Zeit beobachtet und dieser Typ, lief mir nicht das erste Mal über den Weg. Es war gar nicht einfach, Emelie zum Gehen zu überreden und sie dabei nicht zu verunsichern. Jedoch hatte sie die überraschende Art an sich, nicht alles hinterfragen zu müssen. Sie schenkte mir ohne weiteres ihr Vertrauen und ich verfluche mich selbst dafür, dass ich es im Nachhinein augenscheinlich ausgenutzt habe.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, höre ich Julia erneut rufen und erhebe mich schließlich aus meinem Bett. Ich gehe entlang des Flurs, runter in die erste Etage zum offenen Wohn- und Essbereich und setze mich an den beigefarbenen Holztisch, an dem sich bereits alle eingefunden haben. Die letzten drei Jahre habe ich mal mehr und mal weniger auf der Straße, in Hostels oder in leerstehenden Häusern gewohnt. Die letzten Wochen waren für mich hier hingegen der reinste Luxus und ich genieße jede Minute, bis ich wieder gehen muss.

„Hast du schon deine Sachen vorbereitet?“, Thierry blickt mich fragend an und reicht mir dabei die Schüssel mit den gekochten Kartoffeln.

„Ja, ich werde morgen Abend dann noch die letzten Dinge einpacken.“ Bald werde ich das Land wieder verlassen müssen und damit auch endgültig Emelie. Ich nehme die Schüssel entgegen, fülle meinen Teller auf und reiche diese an Julia weiter.

„Wo geht Joey hin?“, mischt sich Luna ein und sieht dabei fragend zu ihren Eltern, welche sichtlich nach einer Erklärung ringen, bis Thierry das Wort übernimmt.

„Joel muss bald nach Hause gehen, mein Schatz“, gibt er wieder.

„Kann Joey dann bald wiederkommen?“ Luna sieht dabei auf ihren Teller und stochert in ihren grünen Bohnen. Man, wie mir dieses kleine Mädchen ebenfalls in den vergangenen Wochen ans Herz gewachsen ist.

Jetzt mischt sich Julia ein. „Luna, spiel bitte nicht mit deinem Essen. Joel kommt dich bestimmt ganz bald wieder besuchen“, sie wirft mir dabei einen unauffälligen Blick zu, da wir beide wissen, dass meine Zukunft derzeit ungewiss ist. Wer weiß schon, ob ich jemals zurückkomme, wenn man bedenkt, was unserem Kollegen zugestoßen ist.

Ich lege meine Hand auf Lunas strohblondes Haar „und wenn ich zurück bin, bringe ich dir ein neues Buch mit, versprochen.“ Sie hebt ihren Blick und lächelt mich vorsichtig an. Es ist unglaublich wie viel sie bereits mit ihren fünf Jahren versteht und mitbekommt. Auch sie bemerkt die Unsicherheit in unseren Worten, aber lässt es dennoch auf sich beruhen. Und ich merke noch einmal, wie wichtig es ist, endlich eine Lösung zu finden. Ihre Zukunft, die Zukunft von all diesen Mädchen muss beschützt werden. Auch meine Kinder, sofern ich irgendwann mal dieses Glück erhalten sollte, sollen in einer Welt aufwachsen, wo sie sich vor diesen Männern nicht fürchten müssen. Eine Welt, in der sie keine Angst haben müssen, die Welt zu bereisen oder gar nachts auf die Straße zu gehen.

Ich hätte nie gedacht, dass gerade ich die Fäden dafür in der Hand halte, um ein Stück weiteren Frieden in die Welt zu bringen. Zur Bundeswehr bin ich lediglich gekommen, weil ich nicht wusste, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Dieser eine schicksalshafte Moment, hat meinem Leben eine Aufgabe und einen tieferen Sinn gegeben. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass mir das Schicksal mit Emelie auch ebenfalls eine weitere Spur geben wollte, aber ich kann nicht zulassen, dass ein weiteres Leben zerstört wird.

Kurz vor ein Uhr morgens klopft jemand behutsam an meiner Zimmertür und ich schnappe mir meine Jacke vom Stuhl, um anschließend Thierry zu öffnen. Meine letzte Mission hier in Hamburg. Julia und Luna schlafen bereits seit einigen Stunden und wir haben diese bewusst nicht wecken wollen, um weitere Erklärungen aus dem Weg zu gehen. Selbst für Thierry ist die heutige Nacht sehr riskant und ich habe es ihm mehrfach versucht auszureden, aber er wollte nicht hören.

Wir gehen in die Tiefgarage und steigen in sein Auto. Die Straßen sind bereits menschenleer. Erst als wir der bekannten Reeperbahn ein Stück näher kommen, tummeln sich hier unzählige feierwütige Menschen, zwischen den vielen bunten Leuchtreklamen und drängen sich in die Bars. Unser Ziel befindet sich jedoch etwas weiter abseits in einer kleinen Seitenstraße, welche durch die sparsame Belichtung kaum von außen wahrgenommen wird. Ein paar dunkle männliche Gestalten, die ihre Kapuzen bis in ihr Gesicht gezogen haben, finden ihren Weg in die verbotenen Lokale. Dort, wo auch wir heute jemanden finden müssen.

Thierry parkt sein Fahrzeug und schaltet Licht und Motor aus. Gerade als er dabei ist, seinen Gurt zu lösen, hindere ich ihn und lasse die Zunge wieder in das Schloss einrasten.

„Du bleibst im Fahrzeug. Ich gehe da alleine rein“, mein Blick deutet auf eine schwarze Tür, welche sich auf der anderen Straßenseite befindet. „Jemand muss schließlich den Motor starten, falls es brenzlig wird.“ Eine dumme Ausrede. Jedoch hängt mein Leben bereits am seidenen Faden und Thierry hat sich und seine Familie bereits genug in Gefahr gebracht.

Zu meiner Erleichterung nickt er. „Aber vergiss unseren besprochenen Ablauf nicht. Joel, wenn das hier nach hinten losgeht, dann war’s das mit Syrien und wir können wieder von vorne anfangen.“ Er öffnet das Handschuhfach vor mir und zum Vorschein kommt eine P8. Jetzt wird auch mir kurz mulmig zumute, obwohl ich mit Handwaffen mehr als vertraut bin. „Nur für den Notfall.“

„Wollen wir doch tauschen? Du gehst rein und ich übernehme dein Leben mit Julia und Luna?“, sage ich scherzhaft, schnappe mir dann aber die Waffe und steige aus. Ich tue es den anderen Männern gleich, ziehe die Kapuze meines schwarzen Pullovers über den Kopf und stecke mir die Knarre in meinen hinteren Hosenbund. Thierry hat Recht. Wenn das hier schief geht, war’s das.

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