[Blogroman] Joel und Emelie 39

[Blogroman] Joel und Emelie 39

Das Spiel ging von vorne los. Zunächst dachte ich, dass es ein Zufall war, dass wir uns immer Mittwochs sahen, also ging ich am nächsten Tag wieder in das Café. Zuvor merkte Thierry, dass etwas nicht mit mir stimmte und anders war. Wie hätte ich es ihm verheimlichen können, nachdem er mittlerweile wie ein Bruder für mich geworden ist. Wir führten am vorherigen Abend eine stundenlange Diskussion, denn er merkte schnell, dass Emelie für mich nicht irgendeine dahergelaufene Frau war, sondern viel mehr dahinter steckte. Und er wusste, wie sehr uns dass beide in Gefahr bringen würde.

Ich versprach ihm, die Hände von ihr zu lassen und brach dieses Versprechen bereits am darauffolgenden Tag. Unter Kammeraden können Lügen den Tod bedeuten, man muss sich blind vertrauen und das machen wir seit über fünf Jahren, in denen wir uns kennen. Im Nachhinein fehlt mir die Einsicht, ob der Vertrauensbruch eine gute oder schlechte Idee war. Vielleicht hätte es mich vor dem jetzigen beschissenen Gefühl bewahrt, aber vielleicht waren diese kurzen Wochen auch die besten meines Lebens und wer weiß, ob ich so etwas jemals wieder fühlen würde. Ziemlich egoistisch. Die gute Nachricht ist, dass Thierry mir verziehen hat. Er hat selbst eine Frau und ein Kind und kann sehr gut nachvollziehen, was die Frauen mit einem anrichten können.

Ich erinnere mich noch zu gut an unser erstes Gespräch. Emelie kam am nächsten Tag kurz nach mir in das Café und zunächst bemerkte ich gar nicht, dass sie mir zu meinem Platz gefolgt war. Sie sah unglaublich aus. Sie hatte sich zurecht gemacht und ihre schwarze Kleidung schmeichelte ihrer zarten Figur. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, als sie sich vor mir zunächst aufbaute, um dann jegliche Anspannung verlor, als ich mich ihr vorstellte. In diesem Moment galt alles oder nichts, also fragte ich sie, ob sie sich zu mir setzen möchte und sie folgte leicht zögerlich meiner Einladung. Zu meiner Verwunderung war sie nervöser als ich, brachte zunächst kein verständliches Wort heraus und verstrickte sich in irgendwelchen Widersprüchen. Der Moment, als ich jedoch ihren Namen hörte war der Wahnsinn und ich wusste, dass es so schnell keinen Weg für mich daraus gab.

Wir hatten einen sehr holprigen Start, aber durch die nette Bedienung, kamen wir dennoch ins Gespräch. Sie interessierte mich und ich konnte anschließend nicht aufhören sie auszufragen. Jedes einzelne Wort saugte ich auf wie einen Schwamm und umso mehr ich von ihr erfahren konnte, umso weniger Zeit hatten wir für meine verzwickte Version. Niemals wollte ich dem Schicksal wieder die Macht überlassen, also nahm ich allen Mut zusammen, um sie anschließend nach einem Date zu bitten. Auf meine unbeholfene Art und Weise, wie ich nun mal bin.

Wie gern ich ihr alles erzählt hätte, aber in meinem Hinterkopf dröhnten immer noch Thierrys Worte. Ich wusste nicht, wie es mit uns weitergehen würde und das Ende hätte selbst ich nicht so erwartet. Das hat mich wieder einmal völlig aus der Bahn geworfen und ich konnte nicht länger bei ihr bleiben. Das Schicksal spielte ein verdammt mieses Spiel. Hätte ich es vorher gewusst, dann hätte ich… Nein. Vermutlich hätte ich mich trotzdem in sie verliebt.

„Hey Joel, in zwanzig Minuten gibt es Abendessen.“ Julia, Thierrys Frau blickt unschuldig durch den Spalt meiner Zimmertür. Ich liege auf dem Bett, blicke zur Zimmerdecke und verschränke meine Hände hinter meinem Kopf. Mein Blick wandert zu ihr und ich signalisiere mit einem Kopfnicken, dass ich sie gehört habe. Julia ist eine Heilige. Thierry und sie sehen durch die Einsätze schon selten genug und trotzdem hat sie nicht gezögert mich vorrübergehend aufzunehmen. Mal ganz davon abgesehen, was sie bewusst aufs Spiel setzen, wenn mich hier jemand finden sollte.

Ich versuche mich möglichst im Hintergrund zu halten und niemanden aufzufallen, denn die Gastfreundschaft möchte ich unmöglich aufs Spiel setzen. Trotzdem behandeln sie mich so, als würde ich ganz einfach dazu gehören. Ein schönes Gefühl.

Als Julia wieder geht, blickt plötzlich ein kleiner blonder Kopf durch den Spalt und ich muss nicht zweimal hinsehen, um zu wissen, wer sich aus dem Kinderzimmer geschlichen hat. Noch bevor ich meinen Kopf unter dem Kissen verstecken kann, fliegt die Zimmertür endgültig auf und sie stürmt lachend zu meinem Bett, springt auf mich rauf und raubt mir kurze Zeit die Luft zum Atmen.

„Joey“, quakt sie freudig und versucht das Kopfkissen wegzuziehen. Natürlich vergeblich. Daher halte ich mit einer Hand das Kissen fest und löse meine andere, um sie stürmisch zu kitzeln. Aus ihrem Mund ertönt ein herzliches Lachen, bis ich ihr schließlich gewähre das Polster wegzuziehen. Zwei wunderschöne blaue Augen strahlen mich an. „Geht die Geschichte heute weiter?“ Bereits gestern habe ich ihr etwas aus Lauras Stern vorgelesen und sie liebt es.

„Heute geht es leider nicht, kleiner Stern“, ihr strahlen verzieht sich zu einem schmollen, „aber morgen, versprochen.“ Die Antwort scheint ihr zu genügen und schon richtet sie sich wieder auf und verlässt hüpfend mein Zimmer. Was wäre nur, wenn jeder so schnell glücklich zu machen wäre. Heute muss ich jedoch noch raus und zu der Adresse fahren, die Thierry mir besorgt hat und sie muss warten.

Warten, so wie ich damals auf Emelie warten musste. Unser erstes Date wäre beinahe so richtig in die Hose gegangen, denn ich saß vergebliche zwei Stunden in diesem Café. Sie kam einfach nicht und ich bildete mir bereits ein, dass nur ich diese Verbindung gespürt habe. Nachdem die Bedienung langsam anfing die Tische zu putzen und den Raum zu fegen, beschloss ich den Rücktritt anzutreten.

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