[Blogroman] Joel und Emelie 38

[Blogroman] Joel und Emelie 38

Joel

Ich vermisse Sie. Ich vermisse alles an ihr. Ihre rehbraunen Augen, die winzigen Sommersprossen auf ihrer Nase und ihre unbeholfene Art, wenn Sie versucht mich zum Lachen zu bringen. Ich hasse mich selbst für das, was ich ihr angetan habe, aber wie sonst hätte ich Sie schützen können? Seit verdammten fünf Jahren befinde ich mich bereits im Untergrund, auf der Flucht und auf der Suche nach Antworten. Und seit verdammten vier Monaten leide ich so sehr, wie keine einzige Minute zuvor.

Thierry hat mich gewarnt. Er hat von anfang an gesagt, dass es jetzt nicht geht, nicht passt und ich Abstand halten soll. Aber ich konnte nicht, habe nicht aufgehört. Bereits als ich das erste Mal ihren unschuldigen und verträumten Blick in diesem kleinen Café gesehen habe, war es um mich geschehen. Ich musste einfach wissen wer sie ist, sie hat mich in ihren Bann gezogen.

Ich kam nach Hamburg, weil ich durch Thierry, der gerade aus Afghanistan zurückgekehrt ist, neue Informationen bekommen habe. Er hat mir vorrübergehend ein Dach über dem Kopf gegeben. Die darauffolgenden Wochen sollte ich mit verschiedensten Frauen sprechen, um endlich einen Schritt dichter an den Drahtzieher zu kommen. Mir fehlen noch immer so viele Puzzleteile und seitdem unser Dreiergespann nur noch aus Zweien besteht, stehe ich zunächst allein vor dieser unüberwindbaren Aufgabe, denn von Thierry wissen sie bisher glücklicherweise nichts. Jedoch habe ich ein Versprechen abgegeben und werde dieses halten. All das was er bisher herausgefunden hat und die Opfer die er bringen musste, werden nicht umsonst gewesen sein.

In Hamburg angekommen wollte ich nur einen Kaffee trinken, bevor ich mich mit Thierry treffen konnte. Dieses Café schien perfekt, er war klein und keines der vielen Markenketten, wo sich dutzende Leute herumtrieben. Bereits als ich mich hingesetzte habe, ist Emelie mir sofort aufgefallen und ich konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden. Sie war gerade dabei zu gehen, hielt dann aber doch kurz inne und traf meinen Blick. Sie war so unfassbar unsicher, schien so unschuldig und dabei wunderschön. Kurz darauf ist sie aufgestanden und verschwunden. Noch an diesem Tag schwor ich mir, dass ich sie wiedersehen musste und verdammt, ich habe es so sehr gehofft, dass sie dieses Café nochmal betreten würde. Sie wirkte mit der kleinen, rothaarigen Bedienung sehr vertraut und fast jeden Tag kam ich daraufhin wieder.

Ich kann bis heute nicht erklären was es war. Eigentlich sträube ich mich vor jedem neuen Kontakt, gehe Leuten bewusst aus dem Weg und selbst meine Mutter denkt, dass ich ein anderes Leben führe. Damals waren sie auch bei meiner Mutter nach meiner Flucht aus Jugoslawien, aber sie wusste nicht wo ich war und darauffolgend konnte ich ihr weismachen, dass sich alles wieder geklärt hat. Seitdem denkt sie, ich sei ein unglaublich beschäftigter Geschäftsmann und seit meiner Flucht haben wir uns nicht wiedergesehen. Denn ich schütze sie. Diese Leute haben unglaublich viel Macht und weiß Gott, was sie mit meiner Mutter gemacht hätten, wenn sie mehr gewusst hätte.

Mein Vater verstarb an Lungenkrebs, als ich vierzehn Jahre alt war. Danach bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Ich umgab mich mit den falschen Leuten, schwänzte die Schule und benebelte mir fast täglich die Sinne. Umso glücklicher ist meine Mutter, dass ich mittlerweile ein geordnetes Leben führe. Wenn Sie nur wüsste. Mit achtzehn machte ich einen miserablen Schulabschluss und wusste noch immer nichts mit mir anzufangen. In Deutschland herrschte die Wehrpflicht und so kam es, dass ich vor zwölf Jahren eingezogen wurde.

Den darauffolgenden Mittwoch war es wieder soweit. Nachdem ich mal wieder vergeblich auf der Suche nach den richtigen Frauen war, wollte ich es nicht verpassen, noch in diesem Café vorbeizusehen. Die Bedienung lächelte mir mal wieder freundlich zu, als würde sie ahnen, warum ich wieder und wieder zurückkam. Ich setzte mich an den gleichen Tisch, bestellte mir den gleichen schwarzen Kaffee und blätterte die Tageszeitung durch, die es dort immer kostenlos gab. Kurz bevor die Tasse wieder leer war, kam sie tatsächlich herein und mein Puls stieg. Außerhalb meines Freundeskreises habe ich noch nie eine Frau angesprochen, die knappen sieben Jahre bei der Bundeswehr und die fünf Jahre auf der Flucht, machten es mir nicht einfacher, mich in der Gesellschaft zurecht zu finden.

Wie spricht man eine Frau an, ohne sie wenigstens über Ecken zu kennen? In der Schulzeit waren es eher die Mädels, die auf uns zukamen und, wenn ich mich mal nicht auf meinem Auslandseinsätzen befand, hing ich eher mit meinen früheren Kumpels ab. Auf den Partys war man immer der coole Soldat, Gespräche ergaben sich ganz von allein. Natürlich bin ich kein unbeschriebenes Blatt. Eine Langzeitbeziehung hatte ich noch nicht, aber alleine war ich trotzdem nie. Es ergab sich halt einfach so, durch Freunde, durch gemeinsame Interessen. Aber eine Fremde ansprechen? Unvorstellbar.

Als wäre es Schicksal, suchte Emelie scheinbar verzweifelt ihr Portemonnaie. Ich witterte meine Chance und bat die Bedienung zu meinem Tisch, um meine und auch ihre Rechnung zu begleichen. Ich versuchte ganz besonders cool zu wirken, schenkte ihr einen letzten Blick und verließ das Café. Und dann? Nachdem ich gegangen war, fiel mir auf, dass das wohl der schlechteste Versuch war, jemanden kennenzulernen, ohne dabei die Telefonnummer zu hinterlassen. Aber was sollte ich machen, ich hatte kein Handy. Viel zu groß war die Angst davor, dass sie mich dadurch finden konnten. Mir blieb nichts anderes übrig, als das Schicksal nochmals herauszufordern und zu hoffen, dass wir uns ein weiteres Mal dort treffen würden.

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