[Blogroman] Joel und Emelie 37

„Emelie, Ich… Es…“

„Was gibt es denn so Wichtiges?“, falle ich ihm ins Wort, als wir mein Wohnzimmer betreten. Wie ein Kaninchen steht er dort im Türrahmen und schaut sich verlegen um. Leicht werde ich es ihm nicht machen, denn seine Wort haben mich extrem verletzt.

„Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Es tut mir leid, wenn ich etwas falsches gemacht habe“, druckst er noch immer herum.

„Was denkst du denn, was du falsch gemacht hast?“ So leicht kommt er nicht davon. Er muss verstehen, was vorgefallen ist.

„Dass ich dich versucht habe zu küssen?“, er sieht mich fragend an. Und das ist der Beweis dafür, dass Männer sich einfach immer viel zu schnell entschuldigen, ohne zu wissen, was sie eigentlich verbrochen haben. Ich seufze und verdrehe die Augen.

„Es geht hier nicht um deine Versuche mich zu küssen. Du hast mich mit deinen vorherigen Worten sehr verletzt.“ Ich setze mich auf meine Couch und noch immer steht er im Türrahmen, geht dann aber zwei Schritte auf mich zu.

„Hey, alles was ich jemals wollte bist du und daher wollte ich dich ganz sicher niemals verletzen.“ Obwohl ich es bereits geahnt habe, treffen mich seine Worte wie ein Schlag in die Magengrube. Ich versperre mich mittlerweile so sehr vor Freunschaften, Zuneigungen oder Gefühlen, dass alles so surreal wirkt. Und noch schlimmer fühlt es sich an, wenn man sich selbst eigentlich so sehr nach Liebe sehnt, wem anderes diese verwehren zu müssen, weil man einfach nicht dasselbe empfindet. Nun bin ich es, die nach den richtigen Worten ringt.

„Für mich ist das derzeit alles so neu. Ich bin vewirrt, ich bin ängstlich. Sebastian, ich kann dir momentan nicht im entferntesten das geben oder bieten, was du dir wünschst.“ Meine Hände wandern zu meinen Schläfen und ich reibe diese vorsichtig, um Herr über diesen Stress zu werden.

„Brauchst du Zeit? Ist es das, was du brauchst?“ Ich blicke auf und sehe, wie er fast bettelnd dort steht.

„Ja, ich brauche einfach Zeit für mich selbst.“ Mir fällt nichts anderes mehr ein, ohne ihn vollkommen vor den Kopf zu stoßen. Ich blicke ihn verzweifelt an und er nimmt seine Brille ab, kommt näher und setzt sich neben mich auf die Couch. Seine Stirn liegt in Falten, er streift sich mit dem Ärmel über die Stirn und setzt seine Brille wieder auf. Kurz blickt er auf, um mir in die Augen zu schauen und senkt seinen Blick danach.

Ich will gerade wieder etwas sagen, als meine Türklingel ertönt und jemand laut gegen die Tür hämmert. Irritiert schauen wir uns an. Ich habe für heute keinen weiteren Besuch erwartet und jetzt ist es ein wirklich ungünstiger Zeitpunkt dafür. Als es wiederholt und zunehmend aggressiver an der Tür hämmert, erhebe ich mich aus meiner Couch und gehe zur Tür. Etwas verärgert über die Störung, reisse ich diese schwungvoll auf und blicke zwei große Männer mit blauen Uniformen an.

„Emelie Sommer?“, sagt der eine von beiden und ich werde merkwürdig nervös.

„Ja“, stottere ich als Antwort. Mein Körper taumelt dabei zwei unsichere Schritte zurück.

„Sie müssen bitte mitkommen. Gegen Sie liegt ein Haftbefehl vor.“

„W…Was?“, entgeistert blicke ich die Männer an und mein Mund klappt auf. Das muss ein schlechter Scherz sein. „Sie verarschen mich doch.“

„Bitte?“, bekomme ich als Antwort. Nein, kein Scherz. Ich fange an zu zittern und mir wird warm und kalt. Wenn du denkst es geht nicht schlimmer, hast du dich getäuscht. Plötzlich taucht Sebastian hinter mir auf, der das Ganze scheinbar mithören konnte.

„Entschuldigen Sie meine Herren. Was wird ihr denn vorgeworfen?“, er drängt sich vor mich und baut sich auf.

„Und Sie sind?“, antwortet der Größere von beiden, mit seinen kleinen Schnauzer und der spitzen Nase. Seine Augenbraue wandert verwundert hinauf.

Sebastian streckt seine Hand aus. „Rechtsanwalt Sebastian Steinhausen.“ Als seine Begrüßung nicht erwidert wird, nimmt er diese zurück und räuspert sich. „Emelie, du musst nicht mitgehen.“ Ich japse nach Luft und blicke mich um, auf der Suche nach der versteckten Kamera, doch ich kann sie nicht finden.

„Entschuldigen Sie, Herr Steinhausen?“, nun hat der andere mit den orangenen kurzen Haaren und dem Dreitagebart das Wort übernommen. „Es liegt ein dringender Tatverdacht der Mittäterschaft vor. Wir müssen leider von einer Fluchtgefahr ausgehen und bitten Sie nun, Frau Sommer, unverzüglich mitzukommen.“ Ich schlucke und blicke verstohlen zu Sebastian. Kann er nicht irgendetwas unternehmen? Er ist doch ein Rechtsanwalt. Meine Hoffnung stirbt jedoch durch seinen mitleidigen Blick, den er mir über die Schulter zuwirft. „Nehmen Sie bitte ein, zwei Halbseligkeiten mit und folgen Sie uns zum Wagen. Wir werden Sie vor Ort über alles Weitere aufklären.“

Meine Tränen steigen in meine Augen. Diese Ungewissheit macht mich fertig. Es muss ein riesiges Missverständnis vorliegen und ich kann keinen Grund für all das vorfinden. In all den Jahren, nein mein ganzes Leben habe ich nichts verbrochen. Selbst Süßigkeiten aus dem Supermarkt habe ich niemals mitgehen lassen. Mit zitternden Händen greife ich zu meiner Jacke, die an meiner Gaderobe hängt, nehme mir meinen Wohnungsschlüssel und mein Handy vom Sideboard und folge den Herren aus dem Wohnungskomplex. Ich habe keine Ahnung was ich benötige, keine Ahnung was auf mich zukommt. Sebastian folgt mir und einen kurzen Moment bin ich froh, nicht alleine zu sein.

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