[Blogroman] Joel und Emelie 36

Den Sonntag verbringe ich wieder einmal allein in meiner Wohnung. Nicht, dass ich etwas anderes erwartet hätte, aber das Loch unter meinen Beinen fängt wieder an aufzuklaffen und ich muss mich bemühen, dort nicht hineinzufallen. Ich brauche Ablenkung und zwar schnell. Ich schnappe mir mein Handy, welches auf dem kleinen gläsernen Couchtisch liegt und suche nach dem Kontakt meiner Schwester. Einen kurzen Augenblick später ertönt das Freizeichen und ich tippe mit den Fingern ungeduldig auf mein Bein.

„Ja, Hallo?“, ertönt es aus dem Handy.

„Hey Pauli, wie geht es dir?“ Ihre Stimme gibt mir etwas Vertrautes, gar Heimisches und erwärmt mein Herz.

„Emelie! Mir geht es super und dir?“, sie stockt „ich meine Euch?“ Ich kann mir ein schmunzeln nicht verkneifen. Nachdem es nun fast alle wissen, wirkt die Frage nun merkwürdig normal.

„Uns geht’s super.“ Meine Hand wandert hinunter zu der kleinen Wölbung, welche ich behutsam streichle. „Ein Teil meiner Arbeitskollegen weiß nun bescheid und Joel ist nach wie vor spurlos verschwunden.“ Jetzt wäre sie auf dem aktuellsten Stand und ich merke, wie abfällig ich mittlerweile darüber reden kann.

Ich höre sie seufzen, „Mach dir nichts draus. Du hast mich und niemand kann unser Geschwisterband jemals trennen. Ich bin immer für euch da.“ Sie wusste schon immer, welche Worte mich zum Lächeln bringen. Ich schließe meine Augen und umklammere das Handy fester, um möglichst viele positive Stimmungen aufzunehmen und merke plötzlich, dass sie stockt und mit sich hadert etwas zu erzählen. Auch unter dieser Entfernung kann ich sie lesen wie ein Buch.

„Was ist los?“

Sie druckst herum. „Wie konntest du das denn jetzt wieder erkennen?“ Siegessicher breitet sich ein Lächeln auf meinen Lippen aus. Ich wusste es. Als ich gespannt abwarte, um sie ausreden zu lassen, fängt sie nach einem weiteren kurzen Zögern an. „Sven und ich fliegen nächste Woche nach Afrika und verbringen dort zwei Wochen unserer Semesterferien“, quietscht sie aufgeregt ins Telefon. Nachdem ich mir etwas Sorgen gemacht habe, als Paula bei mir war und sie doch etwas schärfer mit ihrem Freund gesprochen hat, atme ich nun erleichtert auf. Ich freue mich für sie und gebe ein kurzes Gebet Richtung Himmel ab, dass wenigstens sie das Leben erhält, welches sie verdient hat.

Ich scheine so in meinen Gedanken gefangen, dass ich nicht mitbekomme, dass ich seit längerer Zeit nichts mehr gesagt habe, was auch Paula sofort bemerkt. „Emelie? Ist alles in Ordnung?“

„Oh Sorry, Süße. Ich freue mich so sehr für dich. Du hast mir noch nicht viel über deinen neuen Freund erzählt. Was macht er eigentlich für ein Studium?“

„Er studiert an der LMU in München Veterinärmedizin. Das ist auch der Grund, wieso er unbedingt nach Afrika möchte. Dort hilft er bei einer Auffangstation für Wildtiere, wo sie diese aufpäppeln, pflegen und anschließend wieder in die Wildnis entlassen“, ihre Stimme ertönt fünf Oktaven höher. Ein erleichtertes Gefühl macht sich in meinem Körper breit. Langsam erkenne ich meine Schwester wieder, welche eigentlich nie diese unnahbare, kalte und versnobte Frau war, die sie manchmal darstellte. Von klein auf an liebte sie Tiere, konnte aber nie eigene haben, da wir viel umherreisten. Dass sie nun unbedingt einen Freund hat, der sich scheinbar noch mehr für Tiere interessiert als sie, stimmt mich glücklich. Paula hat sich hingegen in eine ganz andere Richtung entwickelt, denn sie studiert Modedesign und eifert vermutlich Ellen hinterher. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

„Und er hat dich gefragt, ob du mitkommen möchtest?“, frage ich, obwohl ich die Antwort bereits kenne.

„Jaaa.“ Ich kann sie bis nach Hamburg strahlen sehen. Da dies ein längere Gespräch zu werden scheint, tapse ich in die Küche und schenke mir etwas zu trinken ein. Paula hingegen erzählt fröhlich weiter und erklärt mir den gesamten Reiseablauf. Gerade als ich mich wieder auf meine Couch setzen möchte, klingelt es plötzlich an meiner Tür.

„Moment mal Paula, da hat jemand geklingelt.“ Ich nehme mein Handy vom Ohr weg und gehe zum Eingang meiner Wohnung. Durch den Türspion kann ich lediglich ein paar braune Haare erhaschen und nehme genervt wieder das Telefon hoch. „Ich ruf dich später zurück, ja? Ich muss jetzt leider auflegen.“ Wir verabschieden uns, ich drehe den Schlüssel zwei Mal herum und öffne die Tür.

Vor mir steht Sebastian mit einem kleinen bunten Blumenstrauß in der Hand und schaut unschuldig drein. Meine Augenbrauen wandern erwartungsvoll nach oben und meine Hand stütze ich in die Seite. Den habe ich so schnell hier nicht erwartet. Ganz davon abgesehen, dass ich mich wiederholt wundere, woher er nun auch meine Adresse hat. Die einzig logische Erklärung dafür, scheint die Personalakte zu sein.

„Hey, darf ich vielleicht reinkommen?“, mit der freien Hand greift er sich verlegen in den Nacken. Kurz überlege ich die Tür wieder zuzuschlagen, denn meine Wut über seine Worte ist noch lange nicht verflogen und meine gute Laune, nach dem Gespräch mit Paula, fängt an zu kippen. In mir fechte ich einen innerlichen Kampf aus. Meine guten Manieren sagen mir, dass man jedem eine zweite Chance geben sollte, aber ein innerer Drang ist der Meinung, dass man den Männern endlich die Stirn bieten sollte.

Letztendlich gewinnen die Manieren und ich winke ihn mit einer Handbewegung in meine Wohnung, bei der ich mir jedoch einen abfälligen Blick nicht verkneifen kann.

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