[Blogroman] Joel und Emelie 35

Ich könnte sie umbringen. Diese kleine blonde Made, wie sie mit einem selbstgefälligen Grinsen nun da steht und wir gemeinsam in die verdutzten Gesichter von Jamal und Sebastian blicken.

„Stimmt das?“, stottert Sebastian, woraufhin ich tief einatme, meine Augen schließe und versuche die Beherrschung zu bewahren. Vor meinem inneren Auge, sehe ich mich nämlich schon wie ein wildgewordener Gepard auf Gerda stürzen. Ich schäme mich nicht für mein Ungeborenes, zumindest nicht mehr. Aber die Entscheidung darüber, wann der richtige Zeitpunkt gewesen wäre, hätte ich mir schon gerne selbst ausgesucht. Mein Hals fängt an zu glühen und mein Körper verkrampft sich.

„Ja, ich bin im vierten Monat schwanger“, nun gibt es sowieso kein Zurück mehr, „und es ist definitiv zu spät, um weiter über dieses Thema zu reden, also werde ich nun nach Hause gehen.“ Ja, es ist definitiv Zeit für die Flucht. Ich habe keine Lust auf die nervigen Fragen und will mich nicht für meine Entscheidung und alles Weitere rechtfertigen müssen. In den vergangenen Wochen habe ich mich genug mit dem Thema auseinandergesetzt und als alleinerziehende Mutter hat man es sowieso schon schwer genug. Noch immer schauen sich Jamal und Sebastian fragend an, meine Möglichkeit den Rücktritt anzutreten. Ich drehe mich um, nachdem ich Gerda noch einen strafenden Blick zugeworfen habe und gehe die Treppe hinunter. Kurz vor dem Ausgang der Wohnung packt mich jemand an meinem Handgelenk und zieht mich in eines der geschlossenen Zimmer. Sebastian muss mir gefolgt sein.

Er setzt sich auf sein Bett und klopft auf den freien Platz neben sich. Verlegen blicke ich zu der Tür, die er hinter uns geschlossen hat. Ich habe keine Lust auf ein Gespräch, gerade jetzt will ich wirklich nur noch nach Hause. Als er wiederholt mit Nachdruck auf sein Bett klopft, lasse ich mich mit einem Seufzen darauf nieder.

„Ich glaube du wolltest nicht, dass wir es so erfahren, oder?“, er sieht mich mitfühlend an.

„Ach wieso? Ich hätte mir nichts Schöneres vorstellen können“, gebe ich neckend wieder. Er streichelt vorsichtig meine Hand, als hätte ich gerade von dem Tod meiner Eltern erfahren und ich ziehe diese weg.

„Wer ist es?“, seine Stimme ist zittrig.

„Eine Bekanntschaft“, antworte ich schnell.

Erleichtert atmet er auf. „Ich mag dich wirklich sehr, Emelie. Und es gibt immer Möglichkeiten.“

„Was für Möglichkeiten?“, betone ich vorsichtig. „Du hast doch gehört, dass ich bereits im vierten Monat bin. Ich habe mich entschieden, es gibt keine Möglichkeiten mehr.“

„Ich bin Rechtsanwalt, wir finden sicherlich eine Lösung. Und wenn der ganze Spuck vorbei ist, dann fangen wir beide nochmal ganz von vorne an.“ Bitte was? Ich schlucke. Habe ich gerade etwas nicht mitbekommen? Unsicher schaue ich ihn an, ob er das gerade wirklich ernst gemeint hat und rutsche ein wenig von ihm weg. Er kommt mir hinterher, legt seine Hand auf meine Wange und schaut mich eindringlich an. „Wir bekommen das schon hin“, das erste Wort betont er besonders auffällig. Er schließt seine Augen, sein Gesicht kommt immer näher. Er wird doch nicht? Mein Nacken erstarrt, obwohl ich den Druck seiner Hand spüre, die zwischenzeitlich um meinen Kopf gewandert ist. Als er seine Lippen spitzt, wird es mir zu viel und ich winde mich aus seinem Griff, um ruckartig aufzustehen.

Wir, das sind mein ungeborenes Kind und ich, verschwinden jetzt“, mit beiden Daumen zeige ich zur Tür, drehe mich um und renne zum Ausgang.

Als der Fahrstuhl unten ankommt wage ich es endlich wieder aufzuatmen. Eilig verschwinde ich in der Dunkelheit und blicke einige Male zurück, ob mir nun wirklich keiner folgt. Glücklicherweise bleibt es dabei. „Es gibt Möglichkeiten“, noch immer ärgere ich mich über diese Aussage. Wer sagt denn, dass ich mich nicht auf mein Kind freue? Warum fragt mich keiner, ob ich Möglichkeiten überhaupt in Betracht ziehe? Und warum kommt man in so einem Moment bitte darauf, die andere Person zu küssen?

Ich hasse Männer. Ich hasse diese Momente und ich hasse es, dass alles immer so furchtbar kompliziert sein muss. Mit Joel war alles so einfach. Wir kannten uns so kurz und trotzdem war es zwischen uns so unkompliziert, als würden wir uns bereits jahrelang kennen. Er hat mich verstanden, mir eine Wärme gegeben, die ich in diesen eisigen Zeiten verloren glaubte. Er erhellte den Tag, in dem die Dunkelheit eingebrochen ist. Nur er konnte mir das Gefühl geben, dass nichts in dieser Welt zu unbedeutend oder klein ist. Und jetzt?

Ich hasse Joel dafür, dass er mich alleine gelassen hat. Ich hasse es, dass mir dieses perfekte Glück nicht gegönnt wurde. Und zum krönenden Abschluss, hat er mir etwas gegeben, was mich immer an ihn erinnern wird. Für immer. Ob das Schicksal sich für seinen Geniestreich selbst feiert? Es sei ihm gegönnt, denn diese Geschichte hätte nicht mal ich mir ausdenken können.

Wutentbrannt öffne ich meine Wohnungstür, als ich endlich zuhause ankomme. Mit rasendem Herzen gehe ich zu meiner Kommode, öffne die erste Schublade, entnehme meine To-Do Liste und werfe sie aus dem offenen Veluxfenster. Genug mit den Vorsätzen, ich gehe meinen eigenen Weg. In der Küche schenke ich mir ein Glas Wasser ein und versuche mich zu beruhigen. Behutsam streichle ich meinen Bauch und setze mich auf meine Couch. Ich werde dich nie verlassen, das verspreche ich dir.

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