[Blogroman] Joel und Emelie 34

Meine Nervosität steigt zu jeder Stunde und ich befinde mich seit einer halben Ewigkeit im Bad. Frisch geduscht streife ich mir mein neu gekauftes Kleid über den Kopf und ziehe darunter eine durchsichtige schwarze Strumpfhose. Ich habe außerdem wirklich versucht meine Haare wie gestern zu stylen, aber mehr als ein paar ungleichmäßige Wellen gelingen mir nicht. Fast beschließe ich mir einen Zopf zu binden, jedoch lassen sie sich mit ein paar Haarnadeln dann doch bändigen.

Früher stand ich vor einer Party mit mindestens drei Freundinnen vor dem Spiegel und wir haben uns gemeinsam fertig gemacht. Heute komme ich mir total einsam und merkwürdig vor. Ich war zwar nie eine der beliebten Mädchen auf der Schule, mit der alle befreundet sein wollten, aber ich lief einfach unbemerkt mit. Heute sind viele dieser Freundinnen weggezogen, die Arbeitswelt hält sie gefangen oder man hat sich auseinander gelebt. Die Teenie-Zeiten sind einfach vorbei. Mir ist total mulmig zumute dort alleine aufzukreuzen und kurz überlege ich, ob ich doch wieder absage, aber mein Ego will sich diese Blöße nicht geben.

Um kurz vor 8 ziehe ich mir meine geschlossenen, schwarzen Pumps und meinen beigefarbenen Mantel an und verlassen meine beschützenden vier Wände. Auf in die Schlacht. Als ich die Straße betrete, bedeckt bereits ein dunkler Schleier den Himmel und die Straßenlaternen fangen gleichzeitig an zu leuchten. An mir gehen einige Jugendliche mit ihren Spirituosen vorbei, um sich vermutlich für das wöchentliche Vorglühen zu treffen. Beschützend halte ich meine Arme vor meinen Bauch und gehe die Treppen zur U-Bahn-Station hinunter.

Obwohl an mir unzählige Menschen vorbeilaufen, fühle ich mich kurzzeitig merkwürdig verfolgt. Doch selbst, als ich mich ein einige Male umdrehe, kann ich nichts verdächtiges feststellen. Vermutlich bringen mich die Hormone tatsächlich um den Verstand. Trotzdem beschleunige ich meine Schritte, um die heranrollende Bahn noch zu bekommen.

Als ich an der Adresse ankomme, die mir Sebastian zuvor gegeben hatte, erstreckt sich vor mir ein riesiges Hochhaus. Einige lachende und grölende Menschen gehen an mir vorbei und steuern ebenfalls den gleichen Eingang an. Ich dachte, ab einem gewissen Alter werden die Partys ruhiger, aber scheinbar mag ich mich täuschen. Ich entschleunige meinen Gang und gehe noch einmal meine Möglichkeiten im Kopf durch. Soll ich doch wieder umdrehen? Mir gibt der Abend heute wirklich nichts.

Plötzlich werde ich von hinten angerempelt, da mein Körper sich scheinbar zum Stehenbleiben entschieden hat. Ich drehe mich um und schaue in ein verärgertes Gesicht, welches sich danach wieder entspannt.

„Hey Emelie, du bist auch hier?“ Jamal mein arabischer Arbeitskollege blickt mich mit seinen dunkelbraunen Augen verwundert an. Ich räuspere mich und nicke verlegen. Er beäugt mich von oben bis unten, grinst und legt einen Arm und meine Schultern. „Dann wollen wir mal reingehen, oder? Gut siehst du aus.“. Eine kleine Bierfahne streckt sich mir entgegen.

Jamal zieht mich mit zum Hochhaus, wo wir anschließend mit drei anderen Leuten den Fahrstuhl betreten. Noch immer mustert er mich und obwohl er mich bei meiner Flucht gestört hat, bin ich froh, dass ich die Wohnung von Sebastian nicht alleine betreten muss. Es ist kurz vor neun Uhr und die Party scheint bereits im vollem Gange.

Wir fahren bis in den zwölften Stock und die Bässe drängen sich durch die Wände. Als sich die Türen öffnen, muss ich erneut stocken. Ich hatte einen kleinen Hausflur erwartet, stattdessen hält dieser direkt in der Wohnung. Kurz schlucke ich, als ich registriere, dass Sebastian ein ganzes Apartment gehören muss. Mein Körper erstarrt und ich traue mich nicht hinein. Jamal hingegen gibt mir einen kleinen Schups, so dass auch die nachfolgenden Menschen die Wohnung betreten können. Er winkt bereits einigen mir unbekannten Menschen zu und verschwindet in der Menge. Ich hingegen bleibe wie ein kleines verschrecktes Hühnchen im Eingang zurück und lasse die Wohnung auf mich wirken.

Sebastians Wohnzimmer, wo ich mich glaube zu befinden, ist ein riesiger Raum. Ein Ethanolkamin befindet sich auf der linken Wand, darüber ein riesiges Hirschgeweih. Auf der gegenüberliegenden Wand hängt ein Fernseher, der wohlmöglich mit meiner Körpergröße übereinstimmt und davor verfolgen ein paar grölende Typen aufgeregt ein Fußballspiel. Wenige aufgebrezelte Frauen sitzen auf den schwarzen Ledercouchgarnituren davor und unterhalten sich aufgeregt, vermutlich über den neusten Tratsch.

Hinter diesen Wänden gehen einige Räume ab und mir geradeaus befinden sich reihenweise riesige Fensterelemente. Von hier oben, hat man sicherlich einen atemberaubenden Ausblick. Dort im hinteren Teil der Wohnung befindet sich, soweit ich erhaschen kann, auch ein großer Esstisch, mit schwarzen Lederstühlen und die offene weiße Hochglanzküche. Ich bin definitiv unterbezahlt, wenn ich meine Arbeit mit die der Rechtsanwälte vergleiche. Noch bevor ich mich weiter umsehen kann, taucht auf einmal Sebastian in der Menschenmenge auf und steuert mich gezielt an.

„Emelie“, ruft er lauter als mir lieb ist und einige Köpfe drehen sich zu mir um. „Wow, du siehst klasse aus“, er lächelt und umarmt mich überschwänglich.

Ich spüre meine roten Pigmente im Gesicht aufleuchten und blicke zu Boden. „Dankeschön“, gebe ich verlegen wieder.

„Was möchtest du trinken?“, er greift nach meiner Hand und zieht mich in Richtung der Küche, vorbei an den neugierigen Blicken. Gerade befinde ich mich mitten auf dem Radar und meine Hand glüht in seiner. Vorsichtig und unauffällig versuche ich diese aus seiner herauszuziehen und in mir macht sich eine Abwehrhaltung breit.

„Eine Cola“, beantworte ich seine Frage, woraufhin er mich kurz misstrauisch beäugt, ein Glas mit dem gewünschten Getränk befüllt und es mir mit einem Lächeln reicht.

Ich nehme das Getränk entgegen, bedanke mich wiederholt und suche nach den richtigen Worten, um ein Gespräch anzufangen. Oh man, hab ich einen Stock im Hintern. Glücklicherweise und zu meiner Erleichterung wird Sebastian in diesem Moment von wieder eintreffenden Gästen gerufen und blickt mich fragend an. Ich nicke, um ihm zu signalisieren, dass ich auch alleine zurechtkomme. Als ich mich umdrehe bleibe ich an Gerdas stahlblauen Augen hängen, welche mich eindringlich mustern. Mit einem aufdringlichen Lächeln kommt sie auf mich zu.

„Hätt‘ ja nicht gedacht, dass du dich aus deinem Schneckenhaus traust“, sie prostet mir zu.

Vorsichtig rolle ich meine Augen. „Freut mich auch dich zu sehen, Gerda.“

„Schönes Apartment, oder?“, sie streicht mit ihren Fingern über die Kochinsel der Küche. „Könnte mir richtig vorstellen, hier mal eine Nummer zu schieben.“ Oh, das passt zu ihr. Hallo Klischee und danke für das Kopfkino.

„Und wieso erzählst du mir das?“

„Wieso? Hast du ein Problem damit?“, sie nimmt ein Schluck der braunen Flüssigkeit, welche sie in ihrer Hand hält und lässt mich dabei nicht aus den Augen.

„Nein, du kannst tun und lassen was du möchtest.“, gebe ich ehrlich wieder. Dieses Gespräch wird langsam ziemlich unangenehm. Was mache ich eigentlich nochmal hier? Freunde finden? Gedanklich entferne ich bereits den halbgesetzten Haken von meiner Liste.

„Weißt du was, Emelie“, setzt sie an, als Sebastian und Jamal glücklicherweise zu uns kommen.

„Ein paar von uns wollen gleich auf die Dachterrasse. Hast du Lust mitzukommen?“, Sebastian drängt sich vor Gerda, welche hinter ihm die Wangen aufplustert, da die Frage nicht an sie gerichtet wurde. Vorsichtig blicke ich zunächst zu ihr und dann wieder zu ihm. Da mir der Korb ein wenig Spaß bereitet, lächle und bejahe ich seine Frage durch ein Kopfnicken. Kurzerhand nimmt er wieder meine Hand und ein erneuter Schauer durchfährt meinen Körper. Ich versuche die Antikörperhaltung ein wenig zu unterdrücken und blicke beim Gehen noch kurz über meine Schulter, nur um ein letztes Mal ihren wütenden Blick zu erhaschen. Selbst Jamal kann sich die Schadenfreude nicht verkneifen und stößt sie lachend an, damit sie uns folgen.

„Wie bist du hergekommen?“

„Mit der U-Bahn.“ Ich senke meine Kopf zu Boden, um nicht über meine eigenen Füße zu fallen. Eine direkte Treppe auf die Dachterrasse, ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Aus München war ich bereits einiges gewohnt, aber das übertraf es doch um Längen. Er geht zwei Schritte vor, um mir die Tür aufzuhalten und ich trete hindurch. Ein kalter Schauer durchfährt meinen Körper, ein Windzug zieht sich durch meine Haare und obwohl hier kein farbenfroher Sonnenuntergang auf mich wartet, erinnere ich mich kurz an das erste Date von Joel und mir. Joel wird immer präsent in meinem Leben sein und bleiben. Schließlich trage ich sein Kind in mir. Ich schüttle vorsichtig meinen Kopf, um die Gedanken loszuwerden und mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren zu können. Sebastian blick mich verwirrt an.

„Alles in Ordnung? Ist dir kalt?“, er legt eine Hand auf meinen Rücken.

„Nein, alles ist gut“, ich blinzle ihn an. „Du hast eine traumhafte Wohnung und der Ausblick ist wirklich atemberaubend.“ Mittlerweile hat sich die Dunkelheit komplett über das Land gezogen und man kann einige Sterne am Himmel erkennen. Mein Blick schweift über die Dachterrasse hinaus, wo ich die bunten Farben der Straßenlaternen, Hochhäuser und Autos wahrnehme. Ich atme tief ein, um noch ein wenig von der Freiheit zu erhaschen und schließe für einen kurzen Augenblick meine Augen.

Zwischenzeitig haben Jamal und Gerda zu uns aufgeschlossen und jemand dreht die Musik der Bassanlage auf. „Wollen wir uns hinsetzen?“, Sebastian deutet auf eine kleine Sitzgruppe, die aus Paletten und darauf liegenden beigefarbenen Kissen besteht. Ich gehe vor, um mich von seiner glühenden Hand auf meinem Rücken zu trennen und setze mich hin. Die anderen tuen es mir gleich.

„Deine Wohnung, die Dachterrasse,… das ist wirklich der Wahnsinn“, quietscht Gerda fröhlich. „Hast du das alles alleine eingerichtet?“

Sebastian fängt an zu lachen. „Nein, meine Mutter ist eine bekannte Innendesignerin und hatte ihre Hände mit im Spiel. Durch meinen Vater, der ja ebenfalls Rechtsanwalt ist, sind wir an diese Wohnung gekommen. Manchmal sind Kontakte halt einfach alles“, er zwinkert mir zu.

Ich hingegen schalte mich kurzzeitig aus dem Gespräch aus und sehe mich noch einmal um. Seine Mutter hat unglaubliches vollrichtet. Wir sitzen in einer Sitzgruppe in einem wunderschönen offenen Pavillion, mit cremefarbenen Vorhängen. Über die ganze Dachterrasse ist eine Schnur gespannt, an der weiße Lampions und eine warmleuchtende Lichterkette hängen und überall stehen Blumenkübel mit riesigen Pflanzen darin. Es ist eine richtige Ruheoase und zu gerne würde ich diese auch mal tagsüber sehen.

„Und das alles gehört dir?“, frage ich ungläubig.

„Jain“, er fasst sich mit der Hand in den Nacken. „Meine Eltern haben hier zusammengewohnt, bis sie sich vor zweieinhalb Jahren getrennt haben. Meine Mutter ist zu ihrem neuen Partner gezogen und mein Vater wollte die Wohnung zunächst nicht für sich alleine haben. Also habe ich sie bekommen. Mein Vater gibt mir dafür die Hälfte der Miete.“ Ich nicke verständnisvoll. Glück muss man haben. So ist es also, wenn man mit reichen Eltern aufwächst.

Sebastian sitzt mir zugewandt und erzählt mir von seiner Kindheit und auch davon, dass seine Eltern sich wegen der Affäre seines Vaters getrennt haben, was auch noch eine ehemalige Kollegin von Lopez & Partner gewesen ist. Heute muss sie nicht mehr arbeiten und wohnt mittlerweile bei seinem Vater. In diesem Moment möchte ich dann doch ungern mit ihm tauschen. Auch, wenn er diese schöne Wohnung besitzt, aber der Scheidungskrieg und die darauffolgenden Machtkämpfe untereinander, scheinen nicht schön gewesen zu sein. Mittlerweile fange ich mich sogar an ein wenig auf der Party wohlzufühlen. Auch wenn unsere Kontoauszüge nicht im entferntesten die gleichen Summen aufweisen, haben wir dennoch ähnliche Probleme. Gerade die, machen uns alle noch menschlicher. Kurz bevor ich mich endlich fallen lassen kann, ist der ruhige Moment zwischen uns auch schon wieder vorbei und Gerda erhebt sich von ihrem Platz.

„Ich hole mir noch etwas zu trinken, möchtet noch jemand etwas?“, sagt sie schnippisch und blickt dabei lediglich Sebastian an, welcher sich daraufhin ebenfalls erhebt.

„Warte, ich komme mit und helfe dir.“ Ein strahlen erfüllt ihr Gesicht, bis sich Sebastian wieder zu mir neigt und mich fragt, ob er mir einen Cocktail mixen soll. Dankend lehne ich ab, dabei habe ich die Rechnung ohne Gerda gemacht, von der ich die Halsschlagader ich bis hierhin pulsieren sehen kann.

„Weißt du das denn nicht? Emelie darf doch keinen Alkohol trinken“, ich sehe Gerda scharf an, mit der ausdrücklichen Warnung kein weiteres Wort zu sagen. Auf ihrem Gesicht kann ich jedoch nur ein siegessicheres Grinsen entnehmen und schon spricht sie weiter. „Sonst würde sie wohlmöglich noch ihrem baldigen Nachwuchs schaden.“

Boom. Bombe geplatzt. Diese Ratte.

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