[Blogroman] Joel und Emelie 33

Die gesamte Woche hat Sebastian noch auf mich eingeredet, dass ich zu seiner Feier kommen soll und am Freitag habe ich endgültig zugesagt, da mir mein Protest langsam auch ziemlich dämlich vorkam. Noch an diesem Tag bekam ich mit, dass Gerda sich mit anderen Arbeitskollegen lange über ihr Outfit unterhalten hat. Etwas was mich aufhorchen ließ, denn mir fiel auf, dass ich selbst überhaupt nicht wusste was ich anziehen soll. Also habe ich beschlossen, nach Feierabend noch einmal an die Alster zu fahren und nach etwas Passendem zu gucken.

Ich will weiterhin unter dem Radar bleiben, daher darf es weder auffällig, noch zu langweilig sein. In einer kleinen Boutique fällt mir ein langärmliges dunkelblaues Blusenkleid auf, welches zudem die kleine Wölbung an meinem Bauch perfekt kaschiert. Es hat einen beachtlichen Preis, aber da ich mir seit Ewigkeiten nichts mehr geleistet habe, nehme ich auch das in Kauf.

Gerade als ich zurück zu meiner U-Bahn Station gehen möchte, fallen mir im Fenster eines Friseursalons meine langen ungebändigten Haare auf, knapp darunter klebt ein Aufdruck „Ohne Termine“. Kurz ringe ich mit mir, ob ich hineingehe, denn jede Frau weiß doch, dass ein neuer Lebensabschnitt nur mit einer neuen Frisur funktioniert. Und das ist genau das, was ich jetzt benötige. Marcello mag es mir verzeihen.

Ich öffne die Glastür und ein Klingeln ertönt. Die Köpfe der Friseurinnen drehen sich zu mir um und weisen mir freundlich einen Platz zum Warten zu. Nach mir betreten zwei weitere Damen den Salon und setzen sich neben mich. Um die Zeit zu überbrücken, nehme ich die neueste Vogue in die Hand und durchstöber diese nach den Frisuren der Models. Ein Longbob scheint derzeit sehr modern, dabei ragen meine Haare mittlerweile fast bis zu meinem Hintern. Mein Leben wird sich in den nächsten Monaten radikal verändern, vielleicht wäre ein radikaler Schnitt genau das Richtige. Noch bevor ich den Gedanken zuende bringen kann, werde ich auch schon aufgerufen.

„Die Nächste, bitte.“ Da sie es bereits geahnt haben muss, schaut sie mich eindringlich an und ich erhebe mich schnell, um ihr zu einem Platz am Spiegel zu folgen.

„Was hast du dir denn vorgestellt?“, sie schaut mich fragend an und wirft mir den schwarzen Vorhang um, als ich mich auf den Drehstuhl setze.

„Was neues?“, quitsche ich vor Aufregung. Woraufhin sie mich nur erwartungsvoll anblickt. „Vielleicht etwas kürzer? Ich brauche eine Veränderung.“ Mein Mund formt sich zu einem Schmollen.

„Hmm“, sie fährt mit ihren Fingern durch meine Haare. „Ein Typ?“ Ich nicke. Einen kurzen Moment scheint sie mein Haar zu analysieren, hebt es immer mal wieder hoch und lässt es fallen, bis Ihre Augen anfangen zu leuchten.

„Okay, pass auf. Wie wäre es, wenn wir die Haare bis hierhin“, sie deutet auf eine Stelle etwas unter meinen Schultern, „abschneiden und noch ein paar Stufen für den Pfiff reinbringen? Außerdem würden zu deinen dunkelbraunen Haare ein paar Caramel-Strähnen klasse aussehen.“ Sie kramt in ihrem Rollwagen, um daraus ein paar Strähnenbeispiele herauszuziehen und mir die Farbe anschließend an die Haare zu halten. „Nach dem Auswaschen noch eine Kur und wir machen ein paar Wellen hinein, damit ich dir zeigen kann, wie du sie in Zukunft stylst, okay? Vertraust du mir?“, sie sieht mich aufgeregt an.

Vertrauen ist ein großes Wort. Vor kurzem habe ich mir jedoch eine Liste mit Dingen erstellt, die ich mir vorgenommen habe und ein Punkt lautet „Versuchen, wieder zu vertrauen“, also bejahe ich ihre Frage mit einem schüchternen Kopfnicken.

Einanhalbstunden verbringe ich in dem Salon und als sie abschließend den Vorgang schwungvoll von meinem Körper entfernt, freue ich mich wirklich über das Ergebnis und meine Entscheidung. Ich schwenke meine Haare nach rechts und links, um das neue Volumen tanzen zu lassen, streife mir mit meinen Händen ein paar Male durch die geschmeidigen Spitzen und lächle sie dankend an. Draussen angekomme atme ich erst einmal tief ein und schließe meine Augen. Hallo neues Ich, hier bin ich.

Den restlichen Abend verbringe ich mit einer Tüte Chips und meinem kuscheligen Onesie vor dem Fernseher und schaue ein paar Serien, um mich vor dem morgigen Abend abzulenken. Es kommt mir vor, als würde ich aus meinem Schneckenhaus kriechen und ein wenig nach vorne blicken. Kurz vor elf Uhr bekomme ich eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Kurz steigt mein Puls, welcher sich kurz danach wieder rapide senkt.

Ich freue mich auf dich. S.

Lange brauche ich nicht überlegen, wer sich hinter „S“ verbirgen mag. Woher hat er denn jetzt nun meine Nummer? Ich glaube mittlerweile, dass Sebastian und ich uns nicht auf dem gleichen Nenner befinden, was unsere „Beziehung“ zueinander betrifft. Etwas, was ich wohl demnächst einmal klarstellen sollte. Meine Priorität liegt momentan bei meinem ungeborenen Kind, weitere Männergeschichten kann ich derzeit wirklich nicht gebrauchen. Die Vergangenheit hat bewiesen, dass ich und Männer einfach nicht harmonieren. Es wird Zeit für eine Pause.

Um nichts weiter zu verkomplizieren beschließe ich, ihm zunächst nicht zurück zu schreiben. Ich wüsste auch einfach nicht was. Freue ich mich auf Morgen? Naja. Es gehört einfach nur zu meinen neuen Vorsätzen. Ich gehe zu meiner Kommode und öffne die erste Schublade, aus der ich einen Zettel heraushole. Mit diesem setze ich mich wieder und falte ihn auf meinem gläsernen Couchtisch auseinander. Meine To-Do Liste, um eine Basis für das Baby aufzubauen. Zwei Dinge kann ich bereits wieder abhaken. Ich mache Fortschritte.

Punkt Eins: Freunde finden. Kann ich Gerda und Sebastian Freunde nennen? Ich denke nicht, aber es ist ein Anfang. Also beschließe ich, hier einen halben Haken zu setzen, schließlich gebe ich mir Mühe auch das zu schaffen.

Punkt Drei: Versuchen, wieder zu vertrauen. Und wie ich heute der kleinen Friseurin vertraut habe. Kurz klopfe ich mir selbst dafür auf die Schulter und werfe einen kurzen Blick in den Spiegel, der neben der Wohnzimmertür hängt. Ja, vertrauen ist gut.

Andere Punkte lauten zum Beispiel, eine neue Wohnung zu finden, denn diese wird auf Dauer zu klein für uns beide sein. Oder endlich wieder von Herzen lachen. Weiter unten habe ich mir vorgenommen, mich mit Patrick zu versöhnen und der letzte Punkt, der ziemlich zögerlich und recht zittrig aufgeschrieben wurde, lautet: Verlieben. Die kleine Romantikerin in mir, glaubt scheinbar noch irgendwo an ein Happy End.

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