[Blogroman] Joel und Emelie 31

[Blogroman] Joel und Emelie 31

Ich packe eifrig meine Sachen zusammen, schnappe mir meine Tasche und folge beiden aus dem Büro, entlang der Straße zum Italiener an der Ecke. An einem Tisch für vier lassen wir uns nieder und kriegen kurz darauf die Karten gereicht. Ich versuche mich ein wenig hinter dieser zu verstecken, um Gerdas neugierigen und Sebastians nichtssagenden Blicken auszuweichen. Mein Plan, dass die beiden sich untereinander unterhalten und mich weitestgehend in Ruhe lassen, scheint langsam zu bröckeln. Denn Sebastian ist seltsamerweise total auf mich fixiert, während Gerda immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versucht.

„Habt ihr gestern Herrn Hüpner gesehen? Er hatte einen Termin bei Herrn Lopez. Ich habe gehört, dass seine Frau sich von ihm scheiden lassen möchte, weil er mit der zwanzig Jahre jüngeren Nachbarin in flagranti erwischt wurde“, Gerda fängt an zu kichern und ich verdrehe verdeckt meine Augen hinter der Speisekarte. Auf der anderen Seite bin ich ganz froh, dass sie bisher ihre Klappe gehalten hat und mein Geheimnis scheinbar vorerst für sich behält, aber ihre Lästereien machen mich ein wenig wahnsinnig. Schließlich könnte es genauso ich sein, über die sie gerade herzieht.

Sebastian zieht eine Augenbraue hoch und Gerda räuspert sich, um anschließend wieder verlegend in ihre Karte zu blicken. Ein wenig tut sie mir in diesem Moment leid und meine hilfsbedürftige Ader, die ich schon etliche Male verflucht habe, kommt zum Vorschein. Denk an die Basis, die du dir aufbauen wolltest, ermahne ich mich selbst. Dazu gehören definitiv auch nette Gespräche mit Arbeitskollegen. Irgendwie scheine ich jedoch auf der Freundschaftssuche noch ein wenig Nachhilfe zu benötigen.

„Ich habe gehört, dass Frau Hüpner mit ihrem Tennislehrer durchgebrannt ist“, gebe ich zwinkernd wieder. Beide blicken mich erschrocken an, als hätten sie keine Reaktion von mir erwartet und mein Mundwinkel zieht sich nach oben.

„Wirklich?“, fragt Gerda irritiert.

„Nein, das war ein Spaß. Aber vielleicht sollten wir nachher Herrn Lopez einfach fragen, was abgeht oder Sebastian kann uns ein paar Insiderinformationen besorgen,“ mit dem Ellenbogen stupse ich Sebastian seitwärts an. Dieser lächelt, alles was ich in der unbeholfenen Situation erreichen wollte.

„Ich werde mal sehen, was sich machen lässt.“

„Und? Was steht bei euch am Wochenende an?“, Gerda blickt uns neugierig an.

„Gut, dass du das ansprichst“, Sebastians Augen hellen auf. „Am Samstag findet eine kleine Feier in meinem Apartment statt und ich wollte dich“, er schaut dabei nur mich an und mein Blick wandert zu Gerda, um ihm einen kleinen Hinweis zu geben, dass wir uns nicht alleine an diesem Tisch befinden. „Ich meine natürlich euch, einladen.“

„Uii, das hört sich ja super an. Eigentlich war ich mit einer Freundin verabredet, aber das kann warten“, gibt Gerda strahlend wieder. Natürlich gibt es für sie derzeit nichts Wichtigeres für sie als eine Party, wo es vor Tratsch und Klatsch nur so wimmelt. Ich hingegen fühle mich dort absolut fehl am Platz. Freunde finden, ermahnt mich meine innere Stimme. Noch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, wandert Sebastians Blick wieder zu mir.

„Und was ist mir dir, Emelie?“

„Ach. Das tut mir wirklich furchtbar leid.“ Tut es nicht. „Aber leider bin ich am Samstag bereits verabredet und diesen Termin kann ich leider nicht verschieben.“ Ja, ich hatte tatsächlich ein Date mit meinem Bett. Ich setze mein schönstes Lächeln auf, um meine Glaubwürdigkeit zu unterstreichen.

„Nun gib dir einen Ruck Emelie“, fällt mir Gerda lachend ins Wort. „Was gibt es denn so Wichtiges, das man an einem Samstag nicht verschieben kann.“

„Ich würde mich freuen, wenn du es dir noch einmal überlegst“, Sebastian blickt mich wie ein verletzter Welpe an. Und wieder einmal bekomme ich Mitleid.

„Ich werde mal schauen, was sich machen lässt.“ Verdammt.

Der weitere Gesprächsverlauf verläuft etwas schleppend, aber ich denke wir können uns ganz gut wieder fangen. Nachdem wir unsere Rechnung beglichen haben, gehen wir zurück zum Büro. Kurz vor dem Feierabend bittet mich Sebastian nochmals darum, auch am Wochenende dabei zu sein. Und die Qual über die Entscheidung wird immer schwerer.

Als ich am Abend an meiner Wohnung ankomme und den Schlüssel in das Schlüsselloch stecke, überkommt mich plötzlich ein ungutes Gefühl. Denn die Tür ist nicht abgeschlossen, sie lässt sich nach einer halben Drehung öffnen. Ich denke darüber nach, dass ich vor kurzem etwas von einer Vergesslichkeit in der Schwangerschaft gelesen habe. Ich stutze, denn ich bin was das betrifft eigentlich ein sehr genauer Mensch, sogar mehr paranoid als normal und ich könnte schwören, die Tür heute Morgen abgeschlossen zu haben.

Mein Herz macht eigenartige Sprünge, die Nervosität steigt in mir auf, als ich die Tür leicht öffne und meine zitternde Hand blind zum Lichtschalter wandert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.