[Blogroman] Joel und Emelie 29

Wenn ich mich an den Morgen danach zurückerinnere, kommen mir immer wieder die Tränen. Die Gefühle, die man spürt, wenn man verlassen wird sind kaum zu beschreiben. Es ist, als wäre jemand gegangen, der nie wieder zurückkehrt. Als hätte dir jemand dein Herz herausgerissen. Du fühlst sich betrogen, belogen und deine ganze Welt bricht in sich ein. Alles an was du jemals geglaubt hast, alles wofür du standest, die Glückshormone die du ausgeschüttet hast, sind in diesem Moment verschwunden. Ein merkwürdiger Schmerz breitet sich über jedes einzelne Organ, die Adern und Muskeln aus, bis du keine Luft mehr bekommst, weil deine Kehle sich zuschnürt und deine Augen vor Tränen schmerzen.

Es ist dieser eine Moment, wenn du denkst, dass sich das Leben nicht mehr lohnt. Denn du hast dich geöffnet, jemanden in dein Leben gelassen und hast dich wortwörtlich ausgezogen. Dieser Mensch, hat dein verletztliches Ich gesehen. Dieses Ich, welches beschützt und gut behütet sein muss. Du fängst an, an dir zu zweifeln. Du siehst Fehler, wo gar keine sind. So viele eigene Vorwürfe, so viel Hass gegen sich selbst. Doch am Ende überkommt dich die Wut. Nicht gegen dich selbst, sondern gegen ihn. Die Wut wandelt sich in blanken Hass und dann stehst du auf. Du riechtest dich, drückst die letzten Tränen weg und blickst nach vorn. Denn du musst dir selbst treu bleiben und dir immer wieder vor Augen halten, dass er dich nicht verdient hat.

Oft habe ich mir Gedanken gemacht, warum er gegangen ist. Warum, er keine Nachricht hinterlassen oder sich nie wieder gemeldet hat. Die Fragen verstummten und irgendwann wusste ich, dass nur er die Antwort kennt. Er war feige und ich brauchte ihn nicht. Nein, ich war bis hierhin sehr gut alleine zurecht gekommen. Es dauerte zwei Wochen, bis ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte. Zwei Wochen, in denen ich mich krank meldete, mein Shirt viel zu selten wechselte und mein Bett lediglich für einen Toilettengang oder den Lieferservice verließ.

Es war der kleine Junge, mit seiner roten Mütze und den zerzausten Haaren von dem letzten Pizzalieferdienst, der mich aus meiner Trance befreite. Ich öffnete ihn an einem Samstag Abend die Tür, um meine Hawaiipizza entgegen zu nehmen. Sein Blick aus Entsetzen, Verwunderung und Besorgnis ließen mich, nachdem ich die Tür geschlossen hatte, in meinen Flurspiegel blicken und erstarren.

„Emelie“, flüsterte ich besorgt, da ich mich nicht mehr wiedererkannte. Mein Shirt war mit Ketchup verschmiert, die Leggings hatte bereits an Elasthität verloren und meine Augen waren verquollen und rot. Meine Haare sehnten sich nach Pflege, hingen schlaff hinunter und lebten mittlerweile ihr eigenes Leben. Ich schloss meine Augen und atmete tief ein. Was machten diese Männer mit mir? Wie tief kann man sinken, bevor es nicht mehr tiefer geht?

Ich war bereit mein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Mein darauffolgendes Pflegeprogramm dauerte knapp zwei Stunden, bis ich mich endlich von allen unnötigen Haaren befreit hatte, meine Kur bis in die Haarwurzel eingedrungen war und ich frische Klamotten heraussuchte. Nach frischer Wäsche roch es hier schon lange nicht mehr, also öffenete ich alle Fenster und befreite mich von der alten, stickigen und verbrauchten Luft. Ich nahm mir vor, Joel gehen zu lassen.

Am Sonntag ging ich in meinen Lieblingspark, am Montag ließ ich mich wieder auf der Arbeit blicken und am Mittwoch besuchte ich mein Lieblingscafé, die weiße Schokolade und Ellen. Ich holte mir meine Kontanten in mein Leben zurück. Ich holte mir das, was Joel mir genommen hatte.

Es vergingen weitere eineinhalb Monate. Zwei Zyklen, die ich durcheinander brachte und es nicht vorher registrierte. Zyklen, die länger als sonst waren, bis ich nach einer weiteren Magengrippe, zumindest war das meine Erklärung für die anhaltende Übelkeit, bemerkte, dass etwas anders war. Anders mit mir, anders mit meinem Körper.

Ich scherzte diesbezüglich zunächst herum und kicherte krankhaft vor mich hin, als ich eine Vermutung aufstellte. Eine Vermutung, die ich äußerlich lächerlich fand, bis ich zwei weitere Tage später stutzig wurde. Ich rechnete immer wieder nach, suchte nach anderen Erklärungen und mir wurde heiß und kalt zugleich. In der Apotheke kaufte ich mir einen Test und der Strich wurde nach einigen Minuten blassrosa. Die Bedienungsanleitung las ich immer wieder durch, ich wünschte mir, dass ein Fehler vorlag, dass ich die geringe prozentuale Möglichkeit war, dass etwas mit diesem Test nicht stimmte.

Doch als mir am darauffolgenden Tag auch meine Frauenärztin die Bestätigung gab und ich den Zettel schwarz auf weiß in der Hand hielt, bemerkte auch ich, dass ich schwanger war. Ein kleines Leben wuchs in mir und mein Leben sollte sich von nun an vollständig verändern.

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