[Blogroman] Joel und Emelie 27

Der Wein benebelte meine Sinne und plötzlich fühlte ich mich unbesiegbar. Zu der Pizza bekamen wir noch eine Flasche Wein und die erste leerten wir innerhalb einer Stunde. Noch am vergangenen Morgen schwor ich mir selbst, nie wieder einen Schluck Alkohol anzurühren. Doch dort mit Joel auf dem Balkon, kam ich mir so sorgenfrei vor, als gäbe es in meinem Leben nichts Schlechtes. Ich trank nicht aus Frust, sondern genoss unsere Zweisamkeit.

„Ich mag dich Joel, wirklich. Ich mag dich sogar ziemlich doll“, aus mir sprach der Alkohol und unaufhaltsame Ehrlichkeit. Er sah mich wieder mit diesem verschmitzten Lächeln an, was ich so von ihm liebte. Während Joel mit jedem Schluck Wein immer ruhiger wurde, mutierte ich zur Quasselstrippe. „Ich glaube meine Adoptiveltern mögen mich nicht mehr“, kurz versuchten sich die bösen Gedanken wieder einzuschleichen. „Wo sind deine leiblichen Eltern?“, ich war überrascht über seine knappe Frage. Ich glaube, dass mich das bisher nie jemand so direkt gefragt hatte. Viel zu oft hatten andere Angst vor der Reaktion. In meiner Hand schwenkte ich das Weinglas und trank noch einen Schluck.

„Sie sind bei einem Autounfall umgekommen“, ich schluckte und sah Joel an, um seine Reaktion abzuwarten. Er hörte jedoch nur aufmerksam zu und verzog keine Miene. Mein Blick senkte sich und ich holte tief Luft.

„Meine Kindheit war wirklich toll. Paula und ich waren von klein an die allerbesten Freundinnen. Natürlich sind wir das immer noch, aber…“, ich stockte kurz „wir haben uns auch verändert und in verschiedene Richtungen entwickelt. Meine Eltern waren die herzlichsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Sie liebten aneinander und wir nannten uns immer die fantastischen Vier“, ein Lächeln formte sich auf meinem Mund.

„Wir reisten viel umher. Mein Vater war Soldat und durch immer neue Einsätze, hatte er auch verschiedene Standorte. Er hatte immer Angst, dass wir mit den Umzügen nicht klar kamen und so oft er konnte und zuhause war, haben wir etwas unternommen. Wir waren in Freizeitparks, Am See, gingen Wandern und oft Eis essen. Er ließ sich immer wieder eine neue Unternehmung einfallen. Meine Mutter passte sich immer an alle Orte und Gegebenheiten an. Sie war Köchin und als wir groß genug waren, um auch mal alleine in der Wohnung bleiben zu können, ging sie Kellnern oder half in irgendwelchen Küchen aus. Sie hätte meinen Vater bis ans Ende der Welt begleitet, so groß war ihre Liebe zueinander“, ich musste an die sanften Umarmungen und Küsse beider denken, daran, wie sie uns Abends zusammen immer ihre selbstausgedachten Geschichten erzählten, kurz bevor wir einschliefen. Mit meinen Finger tippte ich auf meinem Weinglas.

„Kurz bevor der schreckliche Unfall passierte, war mein Vater immer öfter unterwegs, unausgeglichen und nachdenklich. Ich dachte, es gäbe Streit zwischen meinen Eltern, aber dort war alles in Ordnung. Sie versuchten uns natürlich immer aus allem herauszuhalten, aber eines Abends bekam ich ein Telefonat meines Vaters mit, als ich mir noch ein Glas Milch in der Küche einschenken wollte. Ich versteckte mich unter dem Tisch, als er hereinkam. Es ging um irgendwelche Sachen auf der Arbeit. Mein Vater schien aufgebracht und ängstlich. Dabei war er der furchtloseste Mensch, den ich kannte. Nach dem Telefonat setzte er sich an den Tisch und vergrub den Kopf in seinen Händen. Meine Mutter kam herein und versuchte ihn aufzumuntern. Ich glaube in diesem Moment erzählte er auch ihr nicht alles. Als wolle er sie vor etwas beschützen“, ich sehe die Bilder noch ganz klar vor mir. Kurze Zeit später ging ich in mein Zimmer zurück und konnte die Nacht kaum ein Auge zu machen.

Ich räusperte mich, um den Kloß im Hals loszuwerden. „Eine Woche später, als meine Eltern einen wichtigen Termin in der Stadt hatten, passierte der schreckliche Unfall. Ein anderes Fahrzeug nahm beiden die Vorfahrt, der Täter wurde nie gefunden“, Joel strecke seinen Arm nach mir aus und streichelte mich an meinem Handgelenk.

„Ich habe meine Eltern nie wieder gesehen. Wir waren so verloren, wir hatten nur noch uns. Es konnten keine Verwandten ausfindig gemacht werden, ich konnte mich auch nicht daran erinnern, noch welche lebendig zu kennen. Fünf Monate verbrachten wir in einem Kinderheim in München, mal wieder einen neuen Stadt, bis Patrick und Ellen uns bei sich aufnahmen. Ich bin nie richtig angekommen, nicht einmal, als ich mit meinem Exfreund in meine erste Wohnung zog. Er hat mich seelisch misshandelt und geschlagen, Joel. Erst mit dir, habe ich das Gefühl wieder irgendwo anzukommen“, eine Träne lief mir über die Wange, erst jetzt merkte ich wie voll sich meine Augen gefüllt hatten.

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