[Blogroman] Joel und Emelie 26

Wieder zuhause angekommen, überrollt mich wieder dieses unerträgliche Gefühl, wie es weitergehen soll. Ich habe meine Perspektive verloren und meine Zukunft ist ungewiss. Die Entscheidung, ob ich mich dem Schicksal hingebe oder eingreife, geistert mir seit einigen Tagen durch den Kopf und mein Herz zerbricht jedes Mal daran.

Mit meiner Ärztin habe ich über die Möglichkeiten ebenfalls gesprochen und sie hat mir eine Karte mitgegeben, an die ich mich bei Fragen wenden kann. Meine Wut auf Joel steigt auch von Tag zu Tag. Die Wut darüber, wie er so gefühllos, kalt und egoistisch sein konnte. Ich hab mich noch nie so sehr in einen Menschen getäuscht. Naja doch. Ach, irgendwie schon so einige Male. Was mache ich nur verkehrt? Und wieso muss ich noch so oft an Joel denken?

Er war damals mit in meine Wohnung gekommen, ich hatte ihn in mein behütetes und beschütztes Umfeld gelassen. Ich habe mich ihm gegenüber geöffnet und in mein Herz gelassen. Und er hat es danach nur genommen und wie eine kleine Made zerquetscht.

Vor meiner Wohnungstür war ein Blumenstrauß, aus Lilien und weißen Rosen, der auf der Fußmatte lag und ich blickte überrascht zu Joel, welcher nur verlegen die Schultern hob. Ich nahm den Strauß auf und öffnete mit der freien Hand die Wohnungstür. Ein Duft nach frischgewaschener Wäsche kam mir entgegen. Ein Geruch, den ich liebte und der mich heimisch fühlen ließ. Die Blumen tat ich mit etwas Wasser in eine Vase, welche ich auf meinen gläsernen Couchtisch abstellte. Ich öffnete zwei Veluxfenster meiner Dachschrägen und die Balkontür, damit die alte Luft entweichen konnte. Joel sah sich in dieser Zeit vorsichtig in meiner Wohnung um, als würde er sich auf unerforschtem Terrain befinden. Ich musste lächeln und ich hätte niemand lieber in dieser Minute bei mir gehabt.

„Soll ich uns etwas zu essen machen?“, rief ich aus der kleinen Küche, ich hatte den gesamten Tag noch nichts gegessen. Wusste jedoch noch nicht einmal, ob ich etwas zuhause hatte. „Gern“, gab er zurück, als er sich gerade in meinem Wohnzimmer befand und die Bilder von mir und Paula auf der Kommode ansah. Ich blickte in meinem Kühlschrank und fand wie erwartend außer einem Weißwein nichts darin. Schnaufend nahm ich den Wein aus dem Kühlschrank und begab mich zurück zu Joel in das Wohnzimmer.

Ich zeigte ihm die Weinflasche „Pizza, Wein und Netflix?“ und sah ihn fragend an. „Bist du dir sicher, dass du schon wieder etwas trinken möchtest?“, irritiert hob er eine Augenbraue. Ich blickte zur Weinflasche und schaukelte diese nachdenklich vor mich her. „Ein Glas kann ich heute noch vertragen“, dabei warf ich ihm den Flyer des Lieferdienstes zu, welchen ich zuvor aus einer Schublade gefischt hatte.

Joel schmiss sich danach auf meine cremefarbende Couch und blätterte diesen durch, ich holte währenddessen zwei Weingläser aus dem antiken Mahagonischrank, welchen ich aus einem Secondhand Laden ergattern konnte. Die Gläser stellte ich auf meinem Couchtisch ab und nahm mir meine dunkelbraune Decke von dem Sessel, um mir diese umzulegen und einzukuscheln. Joel klopfte mit seiner Hand neben einen freien Platz auf der Couch und ich ließ mich auf diesen fallen.

Anschließend riefen wir beim Lieferdienst an und bestellten uns eine Margherita- und eine Funghi-Pizza. Mit der Fernbedienung schaltete ich meine zuletzt gesehene Serie ein, die Joel vorher abwinkte. Meinen Kopf legte ich auf seinem Schoß ab und er umfasste meinen Rücken mit seiner Hand. Ein warmes Gefühl überkam mich, welches ich seit seinem Abschied am Freitag schmerzlich vermisste. „Ich hab dich vermisst“, gab ich ehrlich wieder. „Du hast mir auch gefehlt“, sagte er und drückte mich.

Nachdem der Pizzabote da war und wir die Pizza verdrückten, wanderten wir von der Couch auf meinen Balkon, wo wir nun auch die Weinflasche öffneten und er uns jeweils einen Schluck einschenkte. Nach zwei Gläsern wurden wir lockerer und meine Sorgen verschwanden. Ich fühlte mich plötzlich rundum glücklich und am perfekten Ort. Joel neckte mich und ich kicherte. Ein ehrliches und aufrichtiges Lachen, welches ich nicht mehr glaubte an dem Tag noch zu hören. Joel muss es genauso gegangen sein, denn er strahlte mich die ganze Zeit über an.

Zum späteren Abend wurden die Gespräche tiefsinniger und wir unterhielten uns über meine Jugend und meine leiblichen Eltern. Ein Thema, welches mir unglaublich schwer fiel.

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