[Blogroman] Joel und Emelie 25

Acht Stunden später kamen wir in Hamburg an. Acht Stunden, die mein Leben wieder ein wenig Ordnung schenkten. Ich war Joel in diesem Moment so dankbar, dass ich es nicht über das Herz brachte, ihn wieder gehen zu lassen. Zu meiner Überraschung wollte er auch nicht gehen, an diesem Abend kam er mit mir in meine Wohnung. Der letzte Abend, bevor er für immer verschwand.

Gerade als ich bei meiner Ärztin ankomme, meine Krankenkassenkarte vorzeige und mal wieder in das Wartezimmer geschickt werde, erstarre ich, als ich in die verwunderten blauen Augen meiner Arbeitskollegin Gerda blicke. Ertappt sehe ich zu Boden, murmle ein unverständliches „Hallo“ und setze mich auf den gegenüberstehenden Stuhl. Gerda beäugt mich misstrauisch, als sie aufsteht. Mich durchfährt in ein kalter Schauer, ich wende meinen Blick verlegen ab, schaue durch das Fenster und beobachte sie in der Spiegelung. Sie nimmt sich eine Zeitschrift aus dem Zeitschriftenständer, der sich neben meinem Stuhl befindet und überlegt sichtlich, ob sie etwas sagen soll.

Sie faltet die Zeitschrift auf, hält den Blick jedoch noch immer auf mich gerichtet, was ich durch das Spiegelbild des Fensters wahrnehmen kann. Dann klappt sie die Zeitschrift wieder zu, öffnet ihren Mund, um diesen anschließend wieder zu schließen. Nun drehe ich meinen Kopf wieder zu ihr und lächle sie an. Scheinbar versteht sie dies als Aufforderung, sich genau neben mich zu setzen.

„Vorsorge?“, mein Lächeln erstirbt und ich überlege meinen nächsten Zug. Ein verlegenes „Mhm“ kommt als Bejahung aus meinem Mund und ich blicke erneut zu Boden, damit man meine aufsteigende Röte nicht erkennt. Für Gerda scheint das Eis damit gebrochen.

„Ja, ich auch. Dr. Radius ist wirklich eine tolle Ärztin. Ich wusste gar nicht, dass du auch hier bist. Was für ein Zufall. Dann hätten wir ja zusammen fahren können“, sie lacht auf und ich ziehe meine Augenbrauen und meine Mundwinkel hoch, um einen freundlichen Ausdruck entgegen zu bringen

Als sie anschließend aufgerufen wird, kann ich meine Erleichterung über diesen peinlichen Moment mehr als spüren. Meine Anspannung verschwindet kurzerhand und ich nehme mir ebenfalls eine Zeitschrift, damit ich die Zeit schneller überbrückt bekomme.

Gerda ist meine direkte Arbeitskollegin. Sie ist die Assistentin von Sebastian und strahlt im Büro immer gute Laune aus. Für mich wirkt dies oft überheblich und unnatürlich. Kein Mensch dieser Welt, kann jeden Tag gut gelaunt sein. Vor allem nicht auf der Arbeit. Dazu ist Gerda in meinem Alter und wirklich hübsch. Sie hat blonde Haare und graublaue Augen. Die Haare hat sie oft zu einer Banane zurückgesteckt und ihr Pony legt sich immer beinahe perfekt um ihr rundes Gesicht. Ein kleines, zierliches Püppchen. Sie versteht sich mit allem und jeden und kennt die dunkelsten Geheimnisse des Büros, weil sie furchtbar neugierig ist. Wir haben noch nicht so viele Berührungspunkte gehabt und gerade heute, sah sie mich furchtbar durchdringlich an, als würde sie jeden Schritt, jede Mimik und jedes Wort mit Adlersaugen beobachten.

Ich hielt mich im Büro weitestgehend immer unter dem Radar. Unterhielt mich nur oberflächlich mit meinen Kollegen und lies nicht weiter zu mir durchdringen. Mein neuer Leitsatz war, privates und berufliches nie miteinander zu vermischen. Und jetzt wurde mir gerade klar, dass mein Vorhaben bereits durch Sebastian zu bröckeln begann. Verdammt.

Als mein Name von der Assistentin erklingt, erwache ich erschrocken aus meinen Gedanken und sammle meine Tasche auf, um ihr zu folgen. Auch bei meinem zweiten Termin, kam mir dieser Weg lang und steinig vor. Die Ärztin begrüßt mich mit einem warmen und kräftigen Händedruck, als die Tür vom Nebenzimmer aufgeht und Gerda wieder heraustritt. „Wie geht’s euch beiden denn?“, höre verschwommen neben mir und die Ärztin bittet mich mit einer Handbewegung in ihr Zimmer. Gerda und ich blicken uns erneut tief in die Augen, ich mit dem Gefühl, dass ich scheinbar früher als gewollt die Bombe platzen lassen muss.

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