[Blogroman] Joel und Emelie 22

Am nächsten Morgen fühlte ich mich noch immer benommen. Ich tastete mit geschlossenen Augen um mich herum, um wahrnehmen zu können, wo ich mich befand. Die Erinnerungen an die letzten Stunden der vorherigen Nacht waren vollkommen ausgelöscht und als ich merkte, dass ich mich in meinem alten Zimmer in München befand, blieb mein Herz einen Moment lang stehen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich nach Hause gekommen war. Mit meiner rechten Hand suchte ich nervös mein Nachttisch nach meinem Handy ab und fand es schließlich kurz vor dem Herunterfallen auf der hinteren Ecke. Mir wurde wiederholt schwindelig, so dass ich mich wieder in mein Bett fallen ließ und den Display meines Handys anklickte.

Ich hatte fünf verpasste Anrufe von Ellen und eine WhatsApp-Nachricht. Vorsichtig öffnete ich diese und musste ein Auge zusammenkneifen, da mir die Helligkeit des Displays am Morgen zu grell erschien. Alex hatte mir geschrieben, ein alter Schulkollege. Mein Herz schlug schneller, als ich die Nachricht öffnete.

Hey, Ich hoffe es geht dir wieder besser. Meld dich. Lg, Alex.

Ich suchte meine Erinnerungen ab, aber ich konnte mich an keinen einzigen Moment erinnern, Alex getroffen zu haben. Panik stieg in mir auf. Als ich die Bettdecke hob und an mir herunterblickte, sah ich, dass ich nur meine Unterwäsche anhatte und mein Dirndl zerknittert auf den Boden lag. Die Übelkeit überkam mich und ich versuchte mich in meinem Bett aufzusetzen. Den Kopf lehnte ich an meine Wand. Mit zittrigen Händen tippte ich eine Nachricht an Alex ein.

Alex, ich kann mich an nichts mehr erinnern. Kannst du mir sagen, was passiert ist? Lg, Emelie

Mein Bauch gab ein komisches grummeln von sich und ich atmete schwer ein. Meinen Blick konnte ich nicht von dem Display abwenden und wartete ungeduldig auf eine Antwort. Immer, wenn der Bildschirm kurz davor war schwarz zu werden, drückte ich diesen erneut an. Kurze Zeit später sah ich endlich, dass Alex online war und etwas tippte. Ich umklammerte mein Handy fest.

Oh… Wollen wir kurz telefonieren?

Das hörte sich gar nicht gut an. Tränen stiegen in meine Augen, als ich die nächste Nachricht eingab.

Ja, bitte!

Eine halbe Minute später klingelte mein Telefon und Alex Name war auf dem Display zu erkennen. Ich atmete scharf ein, als ich auf den grünen Hörer tippte.

„Hey“, gab ich verlegen und schüchtern wieder. „Hey Emelie, wie geht es dir denn?“, Alex wirkte sehr besorgt.

„Ich weiß es nicht. Ich meine, ich weiß eigentlich gar nichts mehr. Das letzte woran ich mich erinnern kann ist, dass ich das Oktoberfest verließ und am Bahnhof angekommen war“, eine Träne verließ mein Gesicht und ich musste schluchzen.

„Wow, okay. Ich kann nur sagen, dass du ziemlich voll warst. Also, ich meine so richtig voll. Ich war gerade mit Christopher und Dominik am Bahnhof, als ich dich aus der Bahn stolpern sah. Als du mich nicht erkannt und nur weggedrückt hast, habe ich mir schon Sorgen gemacht. Das war wirklich nicht normal“, er stockte.

Ich hörte schweigend zu und versuchte die Puzzleteile zusammenzusetzen, doch da war nichts. Er setzte wieder an.

„Du bist gestürzt und ich habe dich wieder aufgehoben. Aus deinem Mund kamen nur unverständliche Sätze. Christopher und Dominik halfen mir, dich nach Hause zu bringen. Man, bis wir dich so weit hatten, dass du den Schlüssel aus deiner Tasche holst, um die Tür öffnen zu können“, Alex lachte verlegen und räusperte sich anschließend schnell, um weiterzureden.

„Die beiden anderen haben draußen gewartet und ich habe dich in dein Schlafzimmer gebracht. Wo du dich dann… ähm“, wiederholt stockte er und ich dachte an das zerknitterte Dirndl auf dem Boden.

„Was habe ich getan, Alex?“, ich wurde etwas lauter, hielt das Handy nah an mein Ohr, riss die Augen auf und ermahnte mich selbst etwas leiser zu reden.

„Puh Emelie, du hast dich auf einmal ausgezogen.“ Oh Gott. Oh Gott. Oh Gott. Man merkte, wie unangenehm ihm dieses Gespräch wurde. Nicht nur ihm. Ich hielt mir meine freie Hand vor die Augen.

„E… Es tut mir so furchtbar leid, Alex“, wisperte ich am anderen Ende der Leitung.

Ich hörte ihn laut schlucken. „Du solltest mal mit deinem Dad reden. Kurz nachdem dein Striptease vorbei war, konnte ich dich endlich überreden in dein Bett zu gehen. Dein Vater kam kurz danach ins Zimmer und ist laut geworden. Er hat mich rausgeschmissen und auch noch etwas zu dir gesagt, aber du hattest schon nicht mehr reagiert.“

Meine Hand wanderte runter zu meinem Mund, welchen ich mir erschrocken zuhielt. „Danke Alex, ich glaube, das sollte ich nun tun“, sagte ich bevor wir uns verabschiedeten und ich das rote Symbol auf meinem Display zum Auflegen drückte. Ich konnte niemals so betrunken gewesen sein. Nein, ich hatte wirklich nicht viel getrunken und ich kannte meine Grenze. Mein Körper fing an zu zittern und ich blickte auf meine geschlossene Zimmertür, durch die ich mich nicht traute hindurchzugehen.

Vor oder Zurück?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.