[Blogroman] Joel und Emelie 21

Ich prustete laut aus, denn langsam fing mein Magen an zu rebellieren. An einer Schlange einer Wurstbude blieb ich stehen und wartete, bis ich drankam. Die Musik der Fahrgeschäfte wirbelte durcheinander und ich musste an Joel denken. An seine leidenschaftlichen Küsse, die warmen Umarmungen, unsere tiefsinnigen Gespräche und seine Art, mich zum Lachen zu bringen. Wie in Trance nahm ich die Bratwurst im Brötchen entgegen und gab dem Verkäufer das passende Geld. Summend drehte ich mich um und machte mich auf den Rückweg zum Festzelt. Vorbei an einem leuchtenden Riesenrad, einigen Wurfbuden, weiteren Essenständen und anderen Festzelten. Ich ertappte mich, wie ich einige Male ein wenig nach rechts schwappte und hielt kurz inne, um mich zu sammeln. An einer Bude tastete ich nach der Seitenwand. Meine Augen schlossen sich fast automatisch und durch meine Nase atmete ich tief ein.

Plötzlich packte mich jemand an beiden Schultern und drückte mich gegen die Wand. Erschrocken blickte ich erneut in Max Augen. Ein Lichtstrahl eines Fahrgeschäftes fiel leicht in sein Gesicht. Seine Augen waren weit aufgerissen, seine Pupillen hingegen sehr klein und er kaute leicht mit seinem Mund. Lange hatte ich mich nach unserer Trennung über Drogen informiert, da ich die Zeichen so lange in unserer Beziehung nicht wahrgenommen habe. Dieses Mal wusste ich, dass er definitiv wieder etwas genommen hatte. Dazu glänzte seine Haut von dem Schweiß und sein Atem roch stark nach Alkohol, als er seinen Mund öffnete, um etwas zu sagen.

„Warum bist du hier? Willst du mir mein Leben weiterhin versauen?“, er fuhr mich an und die Wut stieg in mir erneut hoch. „Ich, dein Leben versauen? Lebst du in deiner eigenen Welt?“ Wie konnte ich jemals so viel für diesen Menschen empfinden? Max hielt seine Hände rechts und links neben meinem Kopf und ich drehte diesen leicht zur Seite, als er noch näher an mich herantrat. Mein Herz sprang vor Panik fast aus meiner Brust, ich kniff kurz die Augen zusammen und eine Gänsehaut zog sich durch meinen Körper.

„Sollte ich mitbekommen, dass du irgendjemanden von den Pillen erzählst oder…“, er stockte, senkte seinen Kopf und schluckte. „…von dem, was vorgefallen ist, wirst du mich nochmal ganz anders kennenlernen.“

„Was dann?“, fragte ich bissig. Ich hatte das Gefühl, dass das Adrenalin in meinen Adern mich wieder nüchtern werden ließ. Oder es machte mich zusätzlich stark. Ich wollte mich nicht mehr von ihm unterkriegen lassen. Es war genug.

„Emelie, ich schwöre dir, dass du dein Lebtag nicht mehr froh wirst.“ Ich musste schlucken, drehte jedoch meinen Kopf wieder zu ihm und sah ihm eindringlich in die Augen. Niemals, hätte ich ihm meine Schwäche gezeigt. Niemals wieder, würde er wieder so viel Macht über mich erlangen. Er schlug mit seiner rechten geballten Faust gegen die Seitenwand der Bude und ich zuckte kurz zusammen. Als die vorbeilaufenden Menschen uns mitbekamen und ihre Köpfe zu uns drehten, kam er nochmals Näher, so dass ich seinen kalten Schweiß und die Alkoholfahne noch intensiver wahrnahm. Dann drückte er sich ruckartig von mir weg und verschwand in der Menschenmenge.

Meine Beine wurden weich, meine Hände fingen an zu zittern und ich musste tief Luft holen, da ich eine gefühlte Ewigkeit unbewusst den Atem angehalten hatte. Eine Frau kam gerade auf mich zu, die ich jedoch mit einer gehobenen Hand wieder abwies und wankend weiterging. Mir war der Appetit vergangen, also schmiss ich die gekaufte Bratwurst in den nächsten Mülleimer einer Bude und bahnte mir den Weg zurück zu unserem Festzelt. Mir stiegen die Tränen in die Augen und ein kurzes Schluchzen ließ mich nochmals zusammenzucken. Ich versuchte mich wieder zu sammeln, bis ich schließlich an unserem Tisch ankam.

Ellen kam direkt zu mir und sah mich besorgt an. „Emelie, ich habe mir bereits Sorgen gemacht. Möchtest du dich wieder zu uns setzen? Paula hat nach dir gesucht“, sie hob eine Hand an mein Gesicht. „I…Ich würde gerne nach Hause gehen. Irgendetwas ist mir scheinbar heute nicht so gut bekommen“, gequält lächelte ich Ellen an. Diese nickte verständnisvoll und drückte mir einen Kuss auf die andere Wange. „Lass dein Handy an und schreib mir bitte eine Nachricht, sobald du zuhause angekommen bist.“

Ich senkte meinen Kopf, hob meine Jacke von der Bank auf und ging Richtung Ausgang. An diesem sah ich wiederholt Phil, dem ich gerade ausweichen wollte, als er direkt auf mich zukam. In seiner linken Hand hielt er ein Glas mit einer durchsichtigen Flüssigkeit und bei mir angekommen, legte er den rechten Arm um mich. Mein Körper versteifte sich und ich verstand nicht mehr, was hier eigentlich abging. Das einzige was ich zu diesem Zeitpunkt wollte, war endlich zu verschwinden.

„Ich wollte mich bei dir entschuldigen, dass ich vorschnell über dich geurteilt habe. Max ist ein Arsch“, lallte er und hielt mir sein Glas wackelnd vor die Nase. „Du siehst durstig aus, ich habe mir gerade ein Wasser bestellt. Möchtest du ein Schluck?“, angewidert sah ich zum Glas und ging meine Möglichkeiten im Kopf durch. Ich wollte ihn möglichst schnell wieder loswerden, doch so schnell würde er nicht locker lassen, also fasste ich nach dem Glas und nahm einen großen Schluck, da mein Hals sich tatsächlich schon eine ganze Weile zuschnürte. Dankend gab ich es ihm zurück, duckte mich und befreite mich so aus seinen Armen. Phil fing an zu taumeln und grinste mich mit einem Blick an, welchen ich nicht deuten konnte. Ich hob die Hand und verabschiedete mich so schnell ich konnte.

Die Bahn hielt an unserer Haltestelle und mein Kopf fing an zu hämmern. Mein Blick verschwamm und kurzzeitig wurde mir schwarz vor Augen. Ich drückte mich von meinem Sitz hoch und schwankte aus der Bahn hinaus auf den Bahnsteig. So viel hatte ich nicht getrunken und  in den vergangenen Stunden fasste ich auch keinen weiteren Tropfen an. Mir war der plötzliche Pegel unbegreiflich. Ein junger Kerl wollte mich noch stützen, doch ich hob meine Hand und lallte etwas Unmissverständliches. Die Welt drehte sich, mir wurde übel, doch ich schaffte noch wankend die Treppen, die aus dem Bahnhof hinausführten und hielt mich an dem Geländer fest. Meine Augen wurden schwarz und die Beine butterweich. Danach merkte ich nur noch einen dumpfen Schmerz, bis die Welt sich endgültig ausschaltete.

Vor oder Zurück?

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