[Blogroman] Joel und Emelie 20

Er sah verändert aus. Seine Haare waren kürzer, die Locken, welche ich so geliebt hatte, waren fast weg und er war dünner geworden. Seine Wangenknochen stachen heraus und sein Kehlkopf war markanter. Er wirkte gar abgemagert. An der erschrockenen und steifen Haltung merkte ich, dass auch Max nicht mit meiner Anwesenheit auf dem diesjährigen Oktoberfest gerechnet hatte. Er öffnete den Mund und schloss diesen daraufhin wieder, als wolle er etwas sagen, obwohl ich ihn in dieser Entfernung sowieso nicht hätte hören konnte. Die Zeit blieb stehen, ich nahm die vorbeilaufenden Menschen nicht mehr wahr und ein merkwürdiges Gefühl überkam meinen Körper. Ein Herr stieß mich von hinten an und ich stolperte überrascht nach vorn. Dieser Stoß brachte die Welt zum weiterlaufen und Max war plötzlich verschwunden. Erst dann bemerkte ich, dass mein Atem einen Moment lang ausgesetzt hatte und ich musste wiederholt blinzeln, um die Schockstarre loszuwerden.

Es war das erste Mal, dass ich Max nach diesem einen Morgen wiedersah. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Paula hatte zwischenzeitlich zu mir aufgeschlossen und sah mich mit einem irritierten Blick an. „Hast du einen Geist gesehen?“, sie winkte mit ihrer Hand vor meinen Augen. „Ich würde es mir wünschen“, sagte ich und zog gequält die Mundwinkel zu einem Lächeln hoch. Paula hob eine Augenbraue, doch ich winkte ab und hakte mich bei ihr ein. „Lass uns den Abend heute genießen.“

Wir gingen gemeinsam in das Festzelt. Die Band war auf ihrem Podium bereits so laut, dass ich Paula nur noch teilweise verstehen konnte und die Menschenmassen drückten sich in Ihrer Trachtenkleidung an uns vorbei. Die Bierzeltgarnituren waren mit einer zweifarbigen karierten Tischdecke gedeckt und an der Decke hingen riesige Festkränze aus Tannen, die mit blauen Girlanden geschmückt waren. Die eine oder andere Prominenz war bereits eingetroffen. Etwas, was mich nicht mehr nervös oder aufgeregt stimmte, denn für mich waren es nach all diesen Jahren ebenfalls Menschen, mit den gleichen Problemen und gleichen Sorgen. Als wir an unserem Tisch ankamen, kam gerade die Festzelt-Kellnerin mit acht Bierkrügen in ihren Händen an und verteilte diese auf den Tischen. Wir begrüßten alle an unserem Tisch mit einer kurzen Umarmung und setzten uns.

„Kinder, ich habe euch direkt eine Maß mitbestellt“, Ellen schien bereits etwas angetrunken zu sein und gab Patrick einen feuchten überschwänglichen Kuss auf den Mund, welcher nur seine Augen aufriss und mit seinen Freunden anschließend lachend die Krüge zusammenstieß. Als er mich erblickte wich sein Lächeln kurz aus seinem Gesicht, wir hatten uns zuvor noch nicht gesehen, da Patrick wieder lange arbeitete.  Ich nickte ihm zu und zog meinen Krug schüchtern zu mir, um einen großen Schluck zu trinken.

Kurze Zeit später verabschiedete sich Paula zu ihren Freundinnen und ich verbrachte die weiteren Stunden allein zwischen den grölenden und vor allem peinlichen Erwachsenen, bis ich mich schließlich von diesen lösen konnte. Die wenigen Freunde die ich in München hatte waren entweder erst gar nicht auf dem Oktoberfest erschienen oder waren nach dem Schulabschluss weggezogen. Mit Max Freunden hatte ich nach unserer Trennung nichts mehr zu tun, keiner meldete sich je bei mir und ich entschied schnell, dass es besser so war.

Mein Ziel nach meiner Flucht dieses Tisches war es, etwas Essbares zu finden, was nicht einer übergroßen Haxe oder dem Schweinsbraten glich, welche mir bereits aus dem Hals raushingen. Ich ging hinaus, es war bereits dunkel geworden und die Gesichter der Menschen, waren nur noch durch die leuchtenden Fahrgeschäfte und Buden zu erkennen. Als mir die Kälte durch die Adern zog und ich bemerkte, dass ich meine Jacke im Zelt vergessen hatte, stieß ich plötzlich wankend gegen einen Kerl, der sich ruckartig und aggressiv umdrehte. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Alkohol sein bestes gab, um meine Sinne zu benebeln und meine Sicht einen seltsamen Schleier hatte.

„Was zur H…“, plötzlich stockte der Kerl, als er seinen Kopf zu mir umdrehte und ich schluckte. Ich versuchte mich zu konzentrieren, denn plötzlich stand ein bestimmt zwei Köpfe größerer Mann vor mir, der auch dank seiner breiten Schultern in der Dunkelheit mehr als einschüchternd auf mich wirkte. „Emelie“, sagte dieser plötzlich, merklich verwundert und nun musste auch ich noch genauer hinsehen.

Phil stand vor mir, der schelmisch grinste und sich nun abschließend zu mir drehte. „Was machst du denn hier? Ich dachte du bist mit deinem neuen Kerl durchgebrannt. War echt ne scheiß Aktion von dir, wollte ich dir schon immer mal sagen.“ Neuer Kerl? Wusste er von Joel? Aber was heißt hier durchgebrannt, ich hatte Joel viel später kennengelernt und außerdem war jemand anderes sicherlich nicht der Grund, weshalb ich aus München verschwunden bin. Phil war Max bester Freund, bereits seit Kindheitstagen. Nichts konnte die beiden entzweien und ich konnte mir in diesem Moment schon denken, wieso Phil nun schlecht von mir dachte.

„Du solltest lieber deinen besten Kumpel fragen, was genau vorgefallen ist, bevor du hier irgendwelche Mutmaßungen von dir gibst“, ich lallte leicht, meine Stimme klang aufgebracht und ich sah ihn dunkel an. Zumindest hoffte ich, dass er den strafenden Blick durch die Dunkelheit erkennen konnte. Augenblicklich drehte ich mich um und ging meines Weges. Ich hörte ihn noch laut lachen, jedoch ließ er es zum Glück auf sich beruhen und wandte sich wieder zu seinen Freunden. In mir stieg die Wut hoch und ich ballte meine Hände zu Fäusten. Ich versprach mir selbst Max zur Rede zu stellen, sofern ich ihn nochmal wiedersehen sollte. Wenn ich da bereits hätte ahnen können, wie sich der Abend noch entwickeln würde.

Vor oder Zurück?

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