[Blogroman] Joel und Emelie 2

„Die Rechnung, bitte.“ Nachdem mein Kakao schon eiskalt war, beschloss ich, dass es Zeit ist zu gehen. Die Bedienung legt die Rechnung wortlos hin und schaut die Wand an, als ich die letzten Eurostücke aus meinem rosafarbenen Portmonee kratze. „Hier bitte, stimmt so.“

Die Sonne brennt auf meiner Haut, als ich das Café verlasse und meine müden Augen ziehen sich zusammen. Die letzten Nächte waren schlaflos, ich wälzte mich von links nach rechts und versuchte meine Gedanken zu sammeln. Auf der Arbeit nahm ich mir für heute einen Tag frei und faselte etwas von einem Besuch meiner Schwester. Dabei haben wir uns bereits seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Wir telefonieren regelmäßig, da Paula jedoch in den Prüfungsvorbereitungen steckt, haben wir einfach nicht die Zeit dazu gefunden. Wie auch? Joel war ebenfalls in mein Leben getreten und ich vergaß alles um mich herum. Meine kluge Schwester hatte mich seinerzeit noch vor ihm gewarnt. Wie recht sie doch hatte.

Anfangs war Paula noch total euphorisch und dachte, nach Max ginge es nun bergauf und ich wäre nie wieder alleine. Einerseits verstand sie, dass ich aus München wegziehen musste, andererseits hasste sie, dass ich hier alleine bin. Nachdem Joel bereits schon einmal für ein paar Tage spurlos verschwunden war, sah sie dies nun anders. Sie bemerkte meine Sorgen und bat mich vorsichtig zu sein.

Ich gehe die Straße entlang, runter zur Alster. Ein Pärchen steht gerade von einer Parkbank auf und ich schnappe sie mir, bevor jemand anderes es tut. Eine Stunde muss ich noch überbrücken. Eine Stunde, in der ich mein altes Leben mit der Ungewissheit vielleicht noch genießen kann, bevor ich der Tatsache ins Auge blicken muss. Die Wasserfontäne auf der Alster spielt ihr Spiel und ich verfalle wieder in meine Gedanken.

Es war stockfinster, als Max mich durch die Menschenmassen fernab zu einem geschlossenen Park entführte. Wir liefen bestimmt zehn Minuten und meine zunächst benebelten Gedanken wurden immer klarer. Ein halber Marathon, der mich wieder ernüchtern ließ. Max holte plötzlich ein Drahtstück hinter einem Stein hervor und macht sich an den Vorhängeschloss zu schaffen. Ich guckte mich nervös um und konnte zum Glück keine Menschenseele erblicken.

Etwas verbotenes zu tun, war mir nie in den Sinn gekommen, aber der Restalkohol und das zusätzliche Adrenalin in meinen Adern ließen mich jedoch stark und unbesiegbar fühlen. Kichernd lehnte ich mich gegen den Zaun, bevor Max wiederholt meine Hand ergriff und den Zeigefinger der anderen Hand auf meinen Mund legte. Er blickte mir dabei tief in die Augen und endgültig war es um mich geschehen. Ich war in diesem Moment Bonnie und er war mein Clyde. Gemeinsam würden wir durch die Länder ziehen und gemeinsam würden wir sterben.

Er zog mich durch ein wenig Gestrüpp, weiter an größeren rankenden Bäumen und vorbei an einem schönen angelegten Beet, soweit ich es in der Dunkelheit erkennen konnte. Plötzlich blieb er stehen, fragte mich, ob ich mich trauen würde. Ich verstand nicht was er meinte, bis er seine Gürtelschnalle öffnete, die Lederhose über seine Knie, runter bis zu seinen Füßen auszog und sein Hemd über seine muskulösen Arme und letztendlich über seinen Kopf auszog. Was sollte das hier werden? Völlig verdattert starrte ich mit offenen Mund diesen Mann an. Ein Mann, bis auf seine Boxershorts bekleidet, so wie Gott ihn schuf. Max lachte, schüttelte seinen Kopf, so dass seine Locken wild umher flogen und rannte weg. Erst als ich ihn nicht mehr sehen konnte und ein Wassergeräusch hörte, sammelten sich meine Gedanken.

Mit zittrigen Händen fing ich an die Schleife meiner Schürze zu öffnen. Ein kleines Abenteuer also. Es war nicht meine Art, so etwas zu tun, aber ich wollte auch keine Langweilerin sein. Die Neugierde war zu groß. Anscheinend benötigte ich zu lange, denn ein paar Sekunden später hörte ich leise Schritte und vernahm ein paar Wassertropfen auf meinen Armen. Gerade als ich mich umdrehen wollte, umfassten zwei kalte nasse Hände meine Schultern. Wie angewurzelt stand ich nun da, wusste nicht wie ich reagieren sollte. Max öffnete den Reißverschluss meines Dirndls und ließ es zu Boden fallen. Er bückte sich, umfasste meine Taille und meine Kniebeuge und zog mich auf seine durchtrainierten Arme.

Es war so dunkel, mein Herz schlug immer schneller und ich bekam Gänsehaut am ganzen Körper. Wir blieben ganz still. Er ging mit mir rüber ins Wasser und ich verkniff mir einen Schrei, denn plötzlich ließ er mich los. Max lachte laut auf und ich bespritze ihn mit Wasser, als ich mich wieder in dem dunklen See aufrichten konnte. Endlich war die Spannung gelöst, mein Kopf war klar und wir schmissen uns einige Male in das lauwarme Wasser. Für Ende September hatten wir ein wirklich gutes Wetter erwischt, ansonsten hoffe ich, dass er einen Plan B dabei gehabt hätte.

Ein wenig später gingen wir aus dem Wasser und setzten uns auf die Grünfläche. Ich zitterte noch immer, so dass Max mir sein Hemd anbot und mich zu sich heranzog. Wir blickten auf den Vollmond und redeten die halbe Nacht. Es war ein unvergesslicher Abend und ich vergaß jegliches Zeitgefühl. Mir wurde bewusst, dass ich von nun an volljährig war und die Welt für mich offen stand. Wir redeten über unsere Pläne nach dem Abitur, über unsere Familien und lachten, als wir unseren Mathelehrer mit Kermit dem Frosch verglichen. So sehr hatte ich gehofft, dass dieser Abend nie enden würde. Aber es wurde es irgendwann Zeit für uns zu gehen.

Bevor wir die Pforte passierten, zu der wir vorab reingekommen waren, zog Max mich plötzlich zu sich heran. Ich spürte seinen Atem an meinen Lippen, es war als würden diese nur noch Millimeter voneinander entfernt sein und kleine Funken würden sprühen. Er nahm meinen Kopf zwischen seine Hände, sagte an meinen Lippen, dass ich das hübscheste Mädchen sei, dass er je gesehen hätte und schob meinen Mund auf, damit seine Zunge meine berühren konnte. Ich hätte in Ohnmacht fallen können. Ich wusste nicht mehr wo oben und unten ist, wer ich bin oder welches Jahr wir haben. Dies war mein erster Kuss. Mein erster Kuss, mit diesem unfassbaren Mann.

Unsere Eltern hatten bei diesem ganzen Trubel gar nicht mitbekommen, dass wir nicht da waren oder es hatte sie vielleicht auch nicht gekümmert. Ellen war bereits mit Paula nach Hause gefahren. Schließlich ist sie erst 14 und Ellen wollte keinen Ärger bekommen. Meine Frisur und das Make-Up waren dahin, mein BH war noch sichtlich durchnässt, aber all das war mir egal. Max hielt immer noch meine Hand, als wir an dem Tisch von seinen Freunden zu unserem vorbeigingen. Wir verabschiedeten uns von unseren Eltern und Max bat um Erlaubnis, mich nach Hause bringen zu dürfen. Ein waschechter Gentleman.

Manchmal glaube ich, ich hätte es besser wissen müssen. Gutaussehende Bad Boys verheißen nie etwas Gutes. Ich fühlte mich in den ersten zwei Jahren mit Max, als wäre ich endlich angekommen. Nie hatte ich mich zuvor in München zuhause gefühlt und als wir nach dem Abitur sogar in eine gemeinsame Wohnung zogen, schien alles nahezu perfekt. Ich begann eine Ausbildung in der Kanzlei seines Vaters und Max startete ein Studium. Wir malten uns unsere gemeinsame Zukunft mit Haus, Kindern und einem Hund aus. Wir reisten gemeinsam nach Bali, Afrika und Japan, Max zeigte mir die Welt und die Welt gehörte uns.

 

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