[Blogroman] Joel und Emelie 19

Ich versuche noch einige Arbeiten fertig zu bekommen, bevor ich den Feierabend antrete. Seit Sebastian und ich von unserem Mittagessen zurückgekommen sind, lässt er mich zum Glück in Ruhe. Nach der Arbeit habe ich noch einen Termin bei meiner Ärztin, daher stehle ich mich pünktlich aus dem Büro. Lange kann ich dieses Spielchen leider nicht mehr spielen, bevor ich meinem Chef etwas sagen muss. Dabei bin ich mir selbst noch nicht einmal sicher, wie es weitergehen soll. Das Leben wäre zu einfach, wenn sich die Probleme von selbst lösen würden, aber derzeit stehe ich mit meinen ganz alleine da. Und das macht es einfach noch viel schlimmer.

Auf dem Weg nach draußen vibriert mein Handy und ich nehme es vorsichtig aus meiner großen Umhängetasche heraus. Paulas Gesicht lächelt mich auf dem Display an und ich versuche mich zu überreden abzunehmen. Sie wird sich sicherlich gemerkt haben, wann ich meinen nächsten Termin habe und möchte die Details wissen, ich kann es ihr nicht verübeln, aber derzeit kann ich ihre Euphorie darüber leider nicht teilen. Daher entscheide ich mich heute für den bequemen Weg und lege mein Handy wieder zurück in meine Tasche. Ich rufe sie ganz bald zurück, versuche ich mir selbst zu versprechen. Dann, wenn ich endlich klarer über die Dinge denken kann.

Es war ein schönes Wochenende, wo Paula bei mir war. Mein Problem ist jedoch, dass sie mich derzeit zu sehr an meine Zeit in München erinnert. Eine Verbindung, der ich momentan aus dem Weg gehen möchte. Ich kann derzeit nicht wieder zurück. Ich weiß nicht, ob ich es jemals wieder kann. Was wird Patrick von mir denken, wenn er wirklich die ganze Wahrheit über mich erfährt? Ob sie mich dann immer noch unterstützen würden? Wie konnte dieses eine verflixte Wochenende so ein Keil zwischen mich und meine jetzige Familie treiben? Ich sitze in der Bahn und versuche alles mal wieder zu analysieren. Scheinbar meine neue Lieblingsbeschäftigung. Die Suche nach dem Grund. Den Grund, wieso derzeit alles so verkehrt und unwirklich erscheint.

Nachdem Joel mich das erste Mal für ein Wochenende verlassen hatte, fuhr ich am darauffolgenden Tag also nach München. Irgendwie hatte ich mich darüber gefreut, Ellen und Patrick von meinem neuen Job erzählen zu können. Eine erste Erfolgsaussicht in meinem verkorksten neuen Leben. Ich wollte auch endlich wieder etwas präsentieren, worauf sie stolz sein können. Auch, wenn sie nicht meine richtigen Eltern waren, musste ich mir selbst eingestehen, dass ich welche brauchte. Zunächst fing also alles eigentlich ganz gut an. Paula und Ellen holten mich vom Bahnhof ab und die Umarmung dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Aber sie fühlte sich warm und herzlich an und ich merkte, dass ich diese schon lange nötig hatte.

Paula erzählte mir aufgeregt von ihrer derzeitigen Kampagne als Model in der neuen Dirndl-Kollektion und Ellen lächelte zufrieden. Alle hatten sich in München eingelebt und ein neues Leben begonnen, außer mir. Ich hatte jedoch Joel kennengelernt, aber außer Paula erzählte ich es zunächst niemanden. Irgendetwas machte mich noch immer stutzig und ich wollte das Glück zunächst für mich behalten. Oftmals hatte ich das Gefühl, wenn ich über die guten Dinge meines Lebens redete, dass diese sich augenblicklich in etwas schlechtes umwandelten.

Ellen fuhr mit uns anschließend in ihre Boutique, um ein neues Dirndl für den Abend für mich und Paula auszusuchen. Es wäre für sie nie in Frage gekommen, dass wir zwei Oktoberfeste das gleiche Kleid trugen. Immerhin waren wir das Aushängeschild und die beste kostenlose Werbung, die es gab. Ich liebte an Ellen, dass sie trotz ihres Erfolges und der Bekanntheit so bodenständig blieb. In ihrer Boutique waren die Angestellten stets fröhlich und ausgeglichen, alle nannten sich bei Vornamen. Es war einfach familiär.

Ellen klatschte zwei Mal in die Hände und legte diese vor ihren Mund, als sie uns in den Dirndl für den Abend sah. Ihre Augen strahlten und sie bat Coraline, der kleinen blonden Schneiderin, noch hier und da klitzekleine Änderungen vorzunehmen, damit diese perfekt aussahen. Ich blickte in den Spiegel und mein Dirndl, sah wieder umwerfend aus.  Es war ein Mididirndl in purpurrot und creme. Das Mieder hatte einen Rosendruck und Rosenknöpfe. Der Ausschnitt wurde durch eine Rosenbordüre umrandet und die Schürze war transparent mit einem roten Stoff unterlegt. Paulas Dirndl war ebenfalls umwerfend. Alles Details meines Dirndls spiegelte sich in ihrem wieder, nur dass es weiß war und in ihrer Schürze sich das Rot wiederfand.

Danach drückte Ellen uns, sie sah verträumt aus und ihre Augen glänzten. Anschließend verschwand sie in ihrem kleinen Büro, im hinteren Teil der Boutique. Sie bat uns nach dem Umziehen bereits nach draußen zu gehen und im Auto auf sie zu warten. Paula und ich guckten uns zunächst verwirrt an und zuckten die Schultern. Ellen war schon immer nah am Wasser gebaut, auf der anderen Seite war sie aber auch die unerschütterliche Geschäftsfrau, die ihren Gefühlen nie den freien Lauf vor ihren Angestellten lassen würde.

Nach dem Fitting in der Boutique fuhren wir anschließend zu Marcello und auf ihn freute ich mich besonders. Marcello rannte mit ausgestreckten Armen auf uns zu, als wir den Salon betraten, ignorierte zunächst Ellen und Paula und drückte mich, so dass ich kaum Luft bekam. „Emelie, mia bella“, sagte er in seinem italienischen Akzent und mir wurde warm ums Herz. Er drückte mir jeweils einen Kuss auf jede meiner Wange, bevor er sich danach zu den Anderen wandte. Mit hochgezogener Augenbraue nahm er ein paar meiner Haare zwischen zwei Finger und stieß einen verzweifelten Laut aus. „Was hast du mit ihnen gemacht, mia bella? Ich wusste, dass dein Umzug keine gute Entscheidung war.“ Mir stieg die röte ins Gesicht und ich hob entschuldigend meine Hände.

Marcello tat danach, was er gut kann. Mit ein paar helleren Strähnen, die man kaum erkannte, aber den nötigen Schwung herein brachten und ein paar Locken, holte er die Frische und den Glanz aus meinen Haaren, die ich verloren glaubte. Aus einem gläsernen Schrank brachte er mir einen Blumenkranz für das Haar, aus weißen und purpurroten Kunstblumen, den er mir für den Abend mitgab.

Paula und ich fuhren getrennt von meinem Adoptiveltern auf das Oktoberfest, da Paula wie immer etwas länger im Badezimmer benötigte und ich die anderen daher vorschickte. Als wir letztendlich ankamen war ich trotz der Verspätung merklich entspannt und vergaß sogar Joel für wenige Stunden. Irgendwie wollte ich mir auch selbst in diesem Moment beweisen, dass ich ohne ihn gut klar kam und auch weiterhin eine selbstständige und unabhängige Frau war. Der Duft von Lebkuchen und Zuckerwatte stieg mir in die Nase, ich schloss meine Augen und atmete tief durch, bevor ich weitere Schritte in Richtung des Festzeltes nahm, fest entschlossen diesen Abend heute genießen zu können.

Ich setzte meinen Weg fort, öffnete die Augen und mein Lächeln erstarb, als ich in die stahlblauen Augen von Max blickte.

Vor oder Zurück?

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