[Blogroman] Joel und Emelie 15

Sebastian ist gerade dabei seine Hand auszustrecken und mich anzutippen. Als er meinen erschrockenen Blick sieht, stoppt er diese und zieht sie zurück. Ein Arbeitskollege aus der Kanzlei. Ich bin noch immer ein wenig weggetreten, meine Brust hebt und senkt sich schneller als sonst. Die Menschen drücken sich an mir vorbei, um die Rolltreppe nehmen zu können und einige beschweren sich darüber, dass ich mitten im Weg stehe. „Hey“, Sebastian guckt mich besorgt an und versucht mich mit einem Schmunzeln vermutlich zu einem Lächeln zu bewegen. Langsam sammeln sich meine Gedanken und ich erwache aus meiner Schockstarre.

Er schiebt mit seinem Zeigefinger seine Nerd-Brille zurück. Außerhalb der Kanzlei sieht er ganz anders aus. Er trägt Chucks, eine beigefarbende Chino-Hose und darüber ein weißes lockeres Shirt mit dem Aufdruck einer Band. Ich kenne ihn bisher nur mit Anzug und Krawatte, da er einer der Junganwälte aus unserer Kanzlei ist. „Ist alles Ok bei dir?, will er wissen. Ein Mann rempelt mich stärker an, so dass ich zur Seite taumel. Sebastian versucht mich mit seinen Händen aufzufangen und schiebt mich anschließend zur Seite. „Entschuldige“, stammel ich „ich dachte, du wärst jemand anderes.“

„Ich war gerade auf dem Weg nach Hause, als ich dich gesehen habe“, er kratzt sich am Kopf. Ich glaube diese Konversation ist die längste, die wir bisher geführt haben. Die Anwälte blieben oftmals nur unter sich und Sebastian wechselte ausser ein paar Blicken, noch nie ein Wort mit mir. „Ich wollte gerade auch nach Hause“, dieses Wochenende macht mich fertig. „Fährst du auch mit der U3?“, er sah mich fragend und erwartungsvoll an. Ich überlegte kurz, ob ich Lügen sollte, denn das war in der Tat meine Bahn. „Ja, die U3“, gebe ich etwas desinteressiert wieder. „Was hälst du davon, wenn ich dich kurz begleite und wir an den Landungsbrücken noch einen Kaffee trinken?“, es sprudelt förmlich aus ihm heraus. Er wirkte auf einmal sichtlich nervös und mein schlechtes Gewissen, wollte ihm keine Abfuhr erteilen. Daher willige ich mit einem schiefen Kopfnicken ein.

Wir nehmen die Rolltreppe und schauen uns beim herunterfahren ein paar Mal verlegen an. Eigentlich hatte ich mir mittlerweie den Plan geschmiedet, zuhause in meinem Bett in Selbstmitleid zu ertrinken, aber er verschob meine Pläne ein wenig nach hinten. Als die U-Bahn kommt und wir zwei Reihen weiter noch einen Sitzplatz ergattern können, versucht er die peinliche Stimmung zu kitten. Er erzählt eine schräge Geschichte von seinem letzten Fall, wo es um eine Scheidung ging und die Parteien keine Einsicht zeigten, nicht mal, wo es um die Teilung der heißgeliebten Ü-Ei Figuren ging. Ich muss schmunzeln und kurzzeitig vergesse ich sogar meine Sorgen.

Sebastian hört auf dem Weg zu dem Café nicht mehr auf zu reden und scheint in seinem Element zu sein. Anwälte reden ihr Leben gern. Mir tut seine Nähe überraschenderweise sehr gut. Also lasse ich mich darauf ein und höre aufmerksam zu.

Das ändert sich, als wir im Café ankommen und uns an einen Tisch setzen. Sebastian redet noch immer weiter, erzählt von seinem Studium, seinen Eltern und seinem Familienhund. Ich nicke immer wieder. Lächle an den Stellen, wo ich denke, dass es angebracht sei und mein Blick wandert von seinen Augen auf einmal runter zu seinem Mund. Wie er sich immer und immer schneller bewegt. Er hat einen vollen Mund und auf seiner Unterlippe ist ein kleiner Muttermal. Joel hatte auch einen vollen Mund, so einen richtigen Kussmund. Ohja und wie er Küssen konnte. Der Mund verschwimmt, das Muttermal schwindet. Ich versuche meinen Blick wieder abzuwenden, blicke hoch zu seinen Augen und auf einmal sehe ich sie. Diese blau-grünen Augen. Die Brille löst sich plötzlich auf und meine Gedanken driften endgültig ab.

Mein Herz pulsierte immer schneller, als er näher kam. Ich versuchte darüber nachzudenken, was richtig oder falsch war. Sollte ich mich wehren? Mein Kopf setzte aus und mein Herz schlug zu. Alle schlechten Gedanken verschwanden, bis sich schließlich unsere Lippen trafen. Ein Kuss, von dem selbst Shakespeare geträumt hätte. Joel hatte diese Fähigkeit, die mich behütet und beschützt fühlen ließ. Unser Kuss wurde immer heftiger, meine Sinne waren allesamt benebelt und die Schmetterlinge in meinem Bauch feierten die Feier ihres Lebens. Ich wollte mehr von diesem Mann, wollte ihn spüren und behalten. Joel verließ meine Lippen und mein Herz setzte aus. Er nahm meine Hand und gab ihr auf dem Rücken einen weiteren sanften Kuss. Dabei blickte er nach oben in meine Augen und es war endgültig um mich geschehen.

„… und deswegen wollte ich dich fragen, ob wir nächste Woche vielleicht etwas essen gehen wollen?“ Nein, das ist nicht Joels Stimme. Joels Stimme war dunkler, aber dennoch weicher. Ich blinzle ein, zweimal und sehe in die grauen Augen von Sebastian, welcher langsam anfängt rot anzulaufen. Oh Emelie, jetzt wird es Zeit etwas zu sagen. Nur weiß ich nicht was. Wäre es nicht unangenehm, wenn ich die Einladung ablehne und wir uns morgen im Büro wiedersehen? Verliere ich wohlmöglich noch meinen Job? Ich habe so die Schnauze voll von den Männern. Vielleicht kann ich Joel aber dadurch vergessen? Na, das hat ja eben auch super geklappt. Ich seufze und Sebastian wirkt nervöser. Ich beisse mir auf die Unterlippe und sage zu.

 

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