[Blogroman] Joel und Emelie 14

Wir gingen die Straße entlang und wiederholt schaute Joel über seine Schulter. Nur dieses Mal schien es nicht so, als würde er nach mir sehen, sondern halte er nach etwas anderem Ausschau. Ich machte mir Sorgen und fing an, unsere Begegnung zu hinterfragen.

Plötzlich werde ich von einem lauten Knall geweckt und erwache aus meinem Traum. Irritiert blicke ich mich in meinem Schlafzimmer um. Wo kam der Knall her? „Aua“, höre ich plötzlich neben meinem Bett und krieche langsam auf die andere Seite, blicke über die Bettkante und breche in lautes Gelächter aus. Meine Schwester liegt wie eine Schildkröte auf dem Rücken und stimmt in das Lachen mit ein. Ich lasse meinen Körper die Bettkante hinunterrutschen und liege zunächst auf und dann neben ihr.

Meine tollpatschige Schwester. So kenne ich sie und so ist sie mir am liebsten. „Ich habe geträumt, dass ich einen Wasserfall hinuntergefallen bin“, versucht sie grunzend zu erzählen. „Dann bist du ja nun richtig auf den Boden der Tatsachen angekommen“, sage ich noch immer lachend. Plötzlich verstumme ich. „Paula, du fehlst mir“, ich blicke sie an. „Du fehlst mir auch.“

Nachdem meine Schwester frischgeduscht aus dem Badezimmer kommt und ihre Haare in dem Handtuch auswringt, packe ich bereits ihre Reisetasche. „Ich versuche so bald wie möglich wieder zu kommen“,  gibt Paula wieder, „schließlich möchte ich auch nichts verpassen.“ Ich blicke an mir hinunter und seufze. „Da gibt es nichts zu verpassen.“

Auf dem kleinen Korbstuhl in meinem Zimmer mache ich es mir bequem und warte darauf, dass Paula ihre Haare geföhnt und sich fertig geschminkt hat, damit wir endlich loskönnen. Nicht, dass ich sie nicht mehr bei mir haben möchte, aber die Wartezeit macht mich verrückt. Mein Blick schweift durch das Veluxfenster an meiner Dachschrägen hinaus zum Himmel.

Als wir an dem Park, den ich Joel zeigen wollte, ankamen und er endlich wieder pausierte, wollte ich eine Antwort auf das Rätsel haben. „Joel, was ist eigentlich mit dir los? Du wirkst wie ein verschrecktes Kaninchen“, gab ich etwas schnippisch wieder.“ „Es tut mir leid. Ich weiß, es muss für dich verrückt aussehen, aber in dem Café war ein alter Kollege von mir und ich wollte einer Auseinandersetzung aus dem Weg gehen. Bitte mach dir keine Gedanken. Es sollte ein schöner Tag mit dir werden.“

Ich fühle mich plötzlich ein wenig schuldig, als hätte ich ihn zu unrecht verurteilt. Er hatte Recht, wir sollten uns den Tag nicht vermiesen lassen, also zog ich ihn zu meiner liebsten Stelle in diesem Park. Dies war ein kleiner abgelegener Wasserfall, welchen man über einen Steg erreichen konnte. Das Plätschern des Wassers beruhigte mich und zu jener Zeit, in der ich mich unruhig und durcheinander fühlte, kam ich hierher. Wir setzten uns auf eine kleine Grünfläche und Joel strich mir mit seiner Hand eine Strähne aus meinem Gesicht. „Ich habe nicht erwartet hier jemanden wie dich zu treffen. Von der ersten Minute, wo ich dich in dem Café sah, bist du mir nicht mehr aus meinem Kopf gegangen“, gab Joel sichtlich ehrlich wieder. „Ich…“ ich versuchte etwas zu sagen, doch Joel senkte seinen Kopf herunter zu meinem.

„Emelie?“, höre ich Paulas krächzende Stimme in gefühlter Ferne. „Hm?“, gab ich verträumt wieder. „Wir müssen los, meine Bahn fährt in 30 Minuten.“ Paula steht fertig gestylt vor meiner Wohnungstür und zeigt nervös auf ihre Armbanduhr. Ich springe auf, schnappe mir meine schwarze Überziehjacke und gehe mit ihr hinaus. Ein lauwarmer Morgen. Wir hechten zur nächsten U-Bahn-Station und warten auf unsere Bahn. Ich bringe Paula noch zum Hauptbahnhof, da ich diese Stadt für sie alleine nicht für Sicher halte. Ein paar Partywütige eiern auf den Bahnstegen herum, noch betrunken von der letzten Nacht. Sie pfeifen ihr hinterher und ich blicke sie böse an. Männer sind Tiere.

Am Hauptbahnhof angekommen verabschiede ich mich mit einer sanften Umarmung von meiner Schwester und winke ihr zu, als der Zug den Bahnhof verlässt. Wir versprachen uns noch die nächsten Tage zu telefonieren, jedoch wissen wir beide, dass uns der Alltag dies wieder vergessen lassen wird. Ich schlendere den Hauptbahnhof entlang. Es ist Sonntag und heute weiß ich mal wieder so gar nicht wohin mit mir. Ich versuche mir jedoch einzureden, dass es nun wieder bergauf geht und das am Ende des Horizonts das große Glück auf mich wartet. Es muss einfach.

Zwischen der Menschenmenge bilde ich mir kurzzeitig ein, in der Ferne meinen Namen zu hören. Ich gehe weiter und die Stimme kommt immer näher und wirkt hektischer. Vermutlich wird es hier noch eine weitere Emelie geben. Ich versuche die Rolltreppe zu erreichen, um zu meiner U-Bahn zu kommen, als die Stimme dicht hinter mir auftaucht. Der Klang einer männlichen Stimme jagt mir einen Schauer über den Rücken. Könnte er es sein? „Emelie“, vernehme ich nochmals. Langsam drehe ich mich herum.

Vor oder Zurück?

 

 

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