[Blogroman] Joel und Emelie 12

Joel öffnete seine Kapuzenjacke und legte diese auf den Boden. Er machte eine einladende Handbewegung und wir setzten uns. „Ich habe letzte Woche einen Anruf erhalten“, setzte ich an. „Emelie, du bist hier. Nur das zählt.“

Paula trinkt den letzten Schluck aus ihrer Cola Light und winkt den Kellner zu uns. Er bringt uns die Rechnung in einer braunen Mappe und verschwindet wieder. Sie legt das passende Geld in diese und wir verlassen das Restaurant.

Es ist bereits dunkel geworden, also beschließen wir wieder nach Hause zu gehen. Mich quälen Bauchschmerzen und Paula guckt mich besorgt an. „Wie ist es so? Fühlst du etwas?“, will sie wissen. „Manchmal ist es, als wäre es ein Traum. Aber dann kommt dieses beschissene Gefühl wieder hoch und erinnert mich an die Wahrheit. Ich fühle mich einfach unwohl in meiner Haut“, sage ich ehrlich. Paula nickt und beschließt scheinbar, dass es besser ist, noch nicht darüber zu reden.

Ein Handy klingelt in ihrer Tasche und sie nimmt ab. „Ja?… Oh, Hallo Sven… Ich hatte dir doch eine Nachricht geschrieben“, Paula verdreht die Augen. „Ja genau, ich bin in Hamburg… Wie, was ich hier mache? Ich besuche meine Schwester“, ihr Ton wird bissiger. „Ich bin morgen wieder zurück, okay?…  Ja, ich hab’s verstanden“, sie beendet das Gespräch und legt ihr Handy wieder zurück.

„Ist da alles okay bei euch?“, will ich wissen. „Ach, morgen Abend steht ein Kommilitonen-Treffen an. Ich hab das ehrlich gesagt ein wenig vergessen in all der Hektik. Ich hoffe du bist mir nicht böse, aber morgen früh muss ich leider wieder abreisen“, sie schaut mich fragend an. „Um mich brauchst du dir keine Sorgen machen. Ich schaffe das schon irgendwie.“

„Du weißt aber schon, dass du auch mit nach München kommen kannst?“ Das kam für mich allerdings überhaupt nicht in Frage. Es wäre, als würde ich von dem einen Chaos in das nächste fahren. Ich war erst vor kurzem in München gewesen und wollte den Besuch so schnell wie möglich wieder vergessen. Ellen war sehr geschockt gewesen, als sie die Wahrheit erfuhr und Patrick hatte mich als Lügnerin dargestellt.

Ellen versuchte mich danach öfters zu erreichen, aber die Enttäuschung darüber, dass sie mich vor Patrick nicht verteidigt hatte, saß tief. „Du weißt, dass ich das nicht kann“, sage ich missmutig. „Papa tut es doch unglaublich leid, was vorgefallen ist und Mama war bereits kurz davor mitzukommen“, Paula sieht mich verlegen an. Ich verstumme, denn ich will nicht weiter darüber reden.

Der letzte Abend verläuft mit Paula nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Wir setzen uns auf mein Bett und schauen etwas Fernsehen. Ich kann mich jedoch auf die gespielten deutschen Fernsehserien, mit ihren überforderten Schauspielern nicht einlassen und drifte mit meinem Gedanken ab.

„Ich muss es dir trotzdem erzählen. Ich möchte nicht, dass du etwas falsches von mir denkst“, erwiderte ich. „Ich habe eine neuen Job gefunden, ich fange dort nächsten Montag an.“

„Herzlichen Glückwunsch“, Joel lächelte mich an. „Aber für mich zählt wirklich gerade nur, dass du hier bist.“ „Wusstest du, dass ich noch kommen würde?“, wollte ich wissen. „Ich habe es gehofft“, Joel schaute mich wieder mit einem verführerischen Blick an, in dem ich jeden Tag versinken könnte.

„Ich hätte dich angerufen, aber ich habe keine Telefonnummer von dir“, da fiel es mir wieder ein. „Und das sollten wir schleunigst ändern“, ich versuchte mein Handy aus meiner Tasche zu nehmen. „Ich habe derzeit keines. Also ich meine, ich habe kein Handy dabei und weiß meine Nummer nicht auswendig“, Joel guckte mich verlegen an und rieb sich seinen Nacken. „Oh, okay. Dann gebe ich dir meine und du rufst mich einfach an?“, ich sah ihn auffordernd an. Er nickte und ich steckte ihm ein Zettel mit meiner Nummer zu.

Danach beobachteten wir den Sonnenuntergang und redeten nicht viel miteinander, was aber gar nicht schlimm war. Es war eine friedliche Stille und wir genossen die Zweisamkeit.

Als die Sonne hinter dem Horizont verschwand fing ich leicht an zu zittern, was er kurze Zeit später mitbekam. Er hob seinen Arm und machte eine einladende Bewegung. Ich schmiegte mich an ihn heran, als würden wir uns bereits sehr viel länger kennen und Joel bat mich, über meine bisherige Zeit in Hamburg zu sprechen. Ich erzählte ihm von meinem ersten Treffen mit Edith und meinem Besuch in dem Café, meine erfolglose Jobsuche und schwärmte von den Orten, die ich hier bereits entdeckt hatte.

Wir legten uns irgendwann auf den Boden und sahen die Sterne an, bis wir schließlich verstummten und einfach einschliefen.

Zurück in der Gegenwart schalte ich den Fernseher aus, da Paula bereits eingeschlafen ist. Ich lege die Bettdecke über ihren Körper, schlüpfe aus meiner Hose und meinen Socken und nehme mir die andere Bettdecke. Mein Magen rebelliert, aber ich versuche die Übelkeit zu ignorieren und schlafe schließlich ein.

Vor oder Zurück?

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