[Blogroman] Joel und Emelie 11

„Komm, ich lade dich ein Emelie. Du siehst aus, als hättest du ewig nichts mehr gegessen“, befiehlt Paula mir. Ich sehe in einem Schaufensterspiegel in der Innenstadt an mir herunter. „Ich sollte dich einladen“, gab ich verlegen zu.

„Mach dir keine Sorgen. Auch wenn ich deine kleine Schwester bin, darf ich dich einladen. Außerdem hast du mir gerade gebeichtet, wann du deinen ersten Job hier gefunden hast. Das Geld von Mama muss ja bereits leer sein“, sie zwinkert mir zu „und sie hat mir Geld mitgegeben, davon gehen wir nun erstmal etwas leckeres Essen.“ Ich finde es sehr befremdlich, dass Paula bei Ellen von ihrer Mutter spricht. Es versetzt mir einen Stich ins Herz und ich habe das Gefühl, sie könnte unsere leibliche Mutter vergessen haben.

Da mir der Magen jedoch bereits mächtig knurrt, gebe ich nach und nicke in die Richtung eines Imbisses. „Das ist nicht dein Ernst? Da kriegen mich keine zehn Pferde hinein“, zischt Paula mich an. „Wo wäre es ihnen denn genehm, Madame?“, ich schnaufe. Es stört mich, dass Paula etwas abgehoben ist. Allerdings bin ich einfach nur froh, sie bei mir zu haben und versuche meine Bemerkungen des Friedenswillen zu unterdrücken.

Sie zückt ihr Handy, gibt auf dem Display etwas ein und zerrt mich die Straße entlang zu einem sündhaft teuren Italiener. Ich fühle mich absolut fehl am Platz, als wir das Restaurant betreten. Es kommen uns zwei kichernde Frauen entgegen und beäugen mich von oben bis unten. Ich schaue ebenfalls an mir hinab und erblicke meine zerrissene Jeans und mein graues lockeres Shirt. Scheinbar etwas underdressed. Paula zerrt mich jedoch an meinem Ärmel weiter zum Empfang, wo uns ein freundlicher Herr einen Platz zuweist.

Ich schlucke als wir die Speisekarte gereicht bekommen und keins der Gerichte als vollwertige Mahlzeit entzifferbar ist. „Das ist super lecker. So etwas ähnliches habe ich in München bereits gegessen“, Paula deutet auf ein Gericht, was sich Saltimbocca alla Romana nennt. Ich gucke sie ungläubig an, „Und was soll das bitte sein?“. „Ein Kalbsschnitzel“, sie rollt die Augen. Ob sie einer Gehirnwäsche unterzogen wurde? „Ich nehme einfach eine Pizza Margherita“, gebe ich an und klappe die Speisekarte zu, als der Kellner wieder bei unserem Tisch aufkreuzt. „Für mich einmal das Rísotto alla Marinara, per favore“, entgegnet Paula ihm höflich.

„Ach Paula, wo haben sie sich denn ausgegraben?“, kichere ich los, als der Kellner sich vom Tisch mit unseren Karten entfernt. „Nun sieh erstmal zu, dass du mit der Geschichte fertig wirst“, knurrt sie zurück. Ich seufze und hole Luft.

Ich lief die Straße entlang, mit der Hoffnung ihn irgendwo aufzufinden. Das Schicksal schlug zu und plötzlich hörte ich meinen Namen. Abrupt blieb ich stehen und sah mich suchend um. Eine Gestalt stand von einer Parkbank auf und kam mir entgegen. Meine Hände fingen an zu zittern und ich stützte mich kurz auf meinen Knien ab, da mir der kurze Sprint meine letzte Luft aus der Lunge riss.

„Joel“, keuchte ich. „E..Es tut mir so unglaublich leid. Du glaubst nicht, was ich bereits durchgemacht habe.“

„Wegen mir?“, Joel blickte mich verdutzt an. „Ja“, sagte ich und kam langsam wieder zu mir. Ich stellte mich wieder normal hin und blickte in seine Augen. Er sah angespannt aus und ich schämte mich, obwohl ich nicht wusste, ob es meine Schuld war. Sein lockeres weißes Shirt untermalte seine Muskeln, seine braunen Haare waren leicht gegelt und er ließ sich einen Dreitagebart stehen, welcher ihm unglaublich gut stand. Ich musste mich konzentrieren, mit meinen Gedanken nicht abzuschweifen. „Können wir irgendwo reden?“, fragte ich flehend. Joel sah sich um, nickte und reichte mir seine Hand.

Ich hoffte so sehr, dass er mir verzeihen würde. Seine Nähe zu spüren machte meinen Tag vollkommen. Wir gingen gefühlt eine Ewigkeit, durch irgendwelche Gassen zwischen den Hochhäusern, als wir schließlich durch einen Hintereingang in ein Treppenhaus gelangen. Wir redeten nicht und ich wurde das Gefühl nicht los, dass wir es auch nicht durften. Joel blickte immer öfter über seine Schulter, als wolle er sicherstellen, dass ich noch da war, obwohl wir durch unsere Hände verbunden waren.

Gefühlte tausend Stufen später, erreichten wir den höchsten Punkt des Hochhauses, die Dachterrasse. Joel half mir eine Leiter hoch und mir versagte bei diesem Ausblick die Stimme. Die Sonne war bereits dabei unterzugehen und der Himmel färbte sich lila-rot. Von hier oben hatte man einen unglaublichen Blick über Hamburg. Ich erkannte den Hafen und die Elbphilharmonie. Der Wind wehte durch mein Haar und ich sah Joel fragend an. Er lächelte und zuckte die Schultern, als hätte er diesen Anblick auch nicht erwartet.

„Ich dachte, das wäre ein guter Ort ungestört zu reden“, sagte er und ließ meine Hand los. Mein Körper füllte sich mit Sehnsucht. „Er ist perfekt“, strahlte ich ihn an.

Vor oder Zurück?

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