[Blogroman] Joel und Emelie 10

Ich zermarterte mir den Kopf, wie ich Joel wiedersehen könnte. Vielleicht würde er es falsch deuten, wenn ich plötzlich nicht auftauche. Vielleicht würde er dann nie wieder zu dem Café kommen. Das ganze Wochenende konnte ich nicht ruhig schlafen und auch am Tage war ich unerträglich. Wie gut, dass ich eher für mich war und so niemanden auf die Nerven gehen konnte.

Viele Freunde hatte ich in Hamburg noch nicht. Ein bis zwei Bekanntschaften aus dem Café, aber es war nichts nennenswertes. Mir gefiel die Ruhe und die Unabhängigkeit. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte und war niemandem Rechenschaft schuldig. Natürlich ist auch irgendwann die Euphorie darüber verschwunden. Das könnte erklären, wieso ich mich zu Joel plötzlich so hingezogen fühlte. Er war ein Regenschauer am Ende der Dürre. Zwei einsame Seelen, die zusammen weniger allein waren.

Der Mittwoch stand an und ich hatte noch immer keine Lösung gefunden. In der Regel war ich um 15:00 Uhr im Café. Das Industriegebiet, wo die Kanzlei von Lopez & Partner war, ist leider am anderen Ende der Stadt. Da ich kein Auto mehr hatte, war es für mich unmöglich beide Termine pünktlich zu erreichen. Ich entschied mich jedoch für meine berufliche Zukunft und war bereit, alles aufs Spiel zu setzen.

„Du willst mir also erzählen, dass du mittlerweile die Besitzerin des Cafés persönlich kanntest und nicht auf die Idee gekommen bist, ihr bescheid zu sagen?“ Paula zieht eine Augenbraue hoch und sieht mich misstrauisch an. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Irgendwie hätte es die ganze Sache ein wenig erleichtert. „Immerhin gibt es ein schlaues Kind in unserer Familie“, ich lache auf und stupse sie mit meiner Hand verlegen an. Paula schlägt ihre Hände vor das Gesicht und macht verzweifelte Geräusche.

Es hat mittlerweile aufgehört zu regnen und wir sind in einen Park gegangen, den ich Paula unbedingt einmal zeigen wollte. Er nennt sich Planten un Blomen und hier gibt es neben vielen Bäumen und Pflanzen, auch verschiedene Ecken, wo man die Seele baumeln lassen kann. Ich verbringe hier unglaublich gerne meine Zeit. Es ist ein friedlicher Ort und die Menschen haben alle das gleiche Ziel, nämlich einfach zu entspannen.

„Hier war ich auch mal mit Joel“, gebe ich verlegen zu. „Also hattest du ihn nach eurem ersten gescheiterten Date noch nicht endgültig vergrault?“ Das nennt man Geschwisterliebe. Paula hatte einfach immer einen frechen Spruch auf den Lippen. Aber ja, auch gerade deswegen liebe ich sie so sehr. „Nein, natürlich nicht. Die Geschichte hat doch gerade erst begonnen“, ich verdrehe die Augen. „Emelie, wenn du so weiter machst, sind wir in einem Jahr noch nicht fertig“, stichelt Paula. Ich seufze und holfe Luft.

Das Gespräch mit Herrn Lopez lief super. Er war ein größerer Herr mitte vierzig mit schwarzen langen Haaren, welche zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Eine angsteinflößende Gestalt, aber sobald er mich begrüßte wirkte seine Stimme warm und weich. Ich hab mich natürlich wieder in Schale geschmissen und mich von meiner besten Seite gezeigt. Zumindest war das mein Ziel. Wir redeten viel über privates, es war ein angenehmes Gespräch. Er stellte mich danach noch den Kollegen vor und zeigte mir die Kanzlei. Herr Lopez war scheinbar so von mir überzeugt, dass er mir einen weiteren Termin am Freitag für den Arbeitsvertrag anbot. Da ich arbeitslos war, konnte ich bereits nächste Woche anfangen.

Zu dem Vorstellungsgespräch zu gehen, war die richtige Entscheidung gewesen. Ich konnte endlich aufatmen und das Leben in Hamburg genießen. Zuvor breitete sich oft eine innere Unzufriedenheit aus und in der Nacht schlief ich immer schlechter. Sogar Edith bat ich mittlerweile um einen Job, sofern sich nichts entwickeln würde. Dies wäre meine Notlösung gewesen, für mich gab es definitiv keinen Weg zurück nach München.

Um circa 17:00 Uhr verließ ich die Kanzlei und konnte nur noch an Joel denken. Ich musste ihn wiederfinden und hoffte irgendwie, dass er in dem Café auf mich warten würde.

„Als ob ein Typ zwei Stunden auf dich warten würde“, Paula lächelt frech. „In meinen Liebesfilmen klappt es nun manchmal so“, ich strecke die Zunge heraus. „Hast du ihn denn dort angetroffen?“ Natürlich hatte ich das nicht. Ich schüttele den Kopf und Paula schnauft.

Es war ungefähr 17:45 Uhr als ich das Café erreichte. Die Tür war verschlossen und Edith wischte bereits den Boden und stellte die Stühle hoch. Völlig aus der Puste klopfte ich an die Scheibe und Edith fuhr erschrocken herum. Sie ging zur Tür und öffnete diese. „Kind, was machst du hier? Nein, wo warst du?“, fuhr sie mich an. „Ist er noch hier?“, ich blickte mich suchend um. „Nein, er ist vor einer halben Stunde gegangen.“ Die Tränen stiegen mir in die Augen. Wieso konnte nicht auch dieses Leben ein Hollywood Film sein?

Edith setzte an und wollte noch etwas sagen, aber ich entschloss dem Schicksal keine weitere Chance lassen mich zu enttäuschen. Ich kann nicht erklären was es war, aber ein innerer Drang zog mich wieder auf den Bürgersteig. Mein Blick schweifte nach rechts und es drängte mich fest entschlossen weiter in diese Richtung.

Vor oder Zurück?

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