[Blogroman] Joel und Emelie 1

Dies ist die Geschichte von Joel oder auch von mir, Emelie. Vielleicht ist es auch unsere Geschichte, ich weiß es nicht. Schließlich sitze ich gerade alleine hier, fühle mich seltsam und weiß nicht wo ich hingehöre. Die letzten Wochen haben mein ganzes Leben durcheinander gewirbelt. Dabei hatte ich es gerade wieder sortiert und in die richtigen Bahnen gelenkt. Nach der Trennung meines Ex-Freundes, der mich zuletzt nur noch belogen und betrogen hatte, war gerade alles wieder ganz normal. Wie bin ich eigentlich in diese Situation gekommen? Wie konnte ich einem völlig fremden Menschen so sehr vertrauen?

Es ist Mittwoch und ich sitze in meinem Lieblingscafé, dort wo alles angefangen hat. Nur irgendwie schmeckt der weiße Kakao mit den Schokoraspeln heute anders. Ich blicke gedankenverloren durchs Fenster, tippe mit dem Zeigefinger auf meiner Tasse und versuche dort draußen ein Zeichen zu finden. Ein Zeichen, dass alles einen tieferen Sinn hat und die Sonne morgen wieder ganz normal scheint.

Vor knapp einem Jahr bin ich von München nach Hamburg gezogen. Ich musste weg, so weit weg wie möglich und dass, obwohl es mir unglaublich schwer fiel, meine kleine Schwester Paula bei meinen Adoptiveltern zu lassen. Ich fühlte mich dort nicht mehr zuhause und irgendwann, ja ganz bald, würde ich Paula zu mir holen und wir würden gemeinsam fortgehen. Sie hatte das verstanden, da bin ich mir ganz sicher. Denn nach der Trennung von Max war dort kein Platz mehr für mich. Er war dort überall, oder seine Eltern und ich konnte es nicht ertragen ihn immer wieder zu sehen oder an ihn denken zu müssen. Schließlich arbeitete ich in der Kanzlei seines Vaters und ihr kleiner Liebling sollte diese schon ganz bald übernehmen.

Max, mein erster Freund, meine vermeintlich erste große Liebe. Wir lernten uns bereits in der Schule kennen. Der Klassiker. Er war 1,80 groß, sportlich gebaut und könnte mit seinen blonden Locken und den stahlblauen Augen als nächster Mathias Schweighöfer durchgehen. Max wusste, wie er jeden um den Finger wickeln konnte. Als absolutes Einzelkind, bekam er immer das, was er wollte.

Ich habe zwar nicht verstanden, was er an mir gefunden hat, aber traurig war ich darum nicht gewesen. Vielleicht lag es an meinen Adoptiveltern, denn diese waren mit seinen Eltern sehr gut befreundet und so kam es, dass wir bereits früh jährlich beim Oktoberfest in dem gleichen Zelt an dem gleichen Tisch saßen. Vielleicht war es dann die Vertrautheit, die uns schließlich zusammenbrachte. Ich war nicht seine erste Freundin, das wusste ich. So ist das bei den Männern, redete ich mir immer wieder ein. Wir sind die Schlampen und die Männer schmücken sich mit jeder weiblichen Bekanntschaft.

Ich machte mir nie etwas aus Partys oder vielen Freunden. In unserer Adoptivfamilie war das Oktoberfest jedoch ein Muss. Während ich mich erst spät mit dem High-Society leben anfreunden konnte, machte meine Schwester Paula alles bereitwillig mit. Ich war von uns beiden immer schon eher der Rebell, bereit für mich oder uns einzustehen und dem Kampf entgegen zu sehen.

Ellen selbst konnte keine Kinder bekommen, da Sie an einer vererbbaren Krankheit litt. Ich war 14 Jahre alt, meine Schwester 10, als der schreckliche Unfall passierte. Wir hatten keine Verwandten, meine Familie nahm das mit dem Überleben auf dem Planeten nicht allzu ernst. Vielleicht kommt daher meine unzerstörbare Kämpfernatur. Ich wollte für Paula und mich das Leben lebenswert machen. Meine Familie und ich reisten viel umher und waren nie irgendwo zuhause. Mein Vater war Soldat. Wir hatten nur uns.

Damals sind wir in ein Kinderheim in München gekommen, ganz auf uns alleine gestellt. Ich versuche meine Vergangenheit oft zu verdrängen, zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an das Lachen meiner Eltern. Natürlich bin ich Ellen und Patrick dankbar. Wir kamen in eine sehr wohlhabende Familie und Ellen liebt uns, als wären wir ihre eigenen Kinder. Wir waren ihre Modepüppchen. Jedes Jahr steckte sie uns in ihre selbstgenähten Dirndl. Ellen hat bereits vor Jahren eine sehr gut laufende Boutique in München für Trachtenmode eröffnet. Patrick hingegen bekamen wir selten zu Gesicht, viel zu einnehmend war sein Beruf als Richter.

Mir war das Recht. Anders als Paula suchte ich so oft ich konnte das Weite und zog mich zurück. Für Ellen tat es mir wirklich leid, sie wollte so gerne von uns als Mutter akzeptiert werden. Wie oft wir durch die sündhaft teure Flaniermeile spazierten und bei all den großen Marken einkauften. Bei wohlhabenen Familien, ist es scheinbar gang und gäbe die Liebe zu erkaufen. Ein Traum für Paula, denn meine kleine Schwester ist ein richtiges Mädchen. Mit ihren langen goldblonden Haaren, großen dunkelbraunen Augen und der perfekten Bikinifigur hätte sie schon früh so einige Modelverträge abschließen können und nicht umsonst ist sie das Gesicht zahlreicher Kinderkampagnen von Ellens Kollektion. Paulas Augen sind jedes Mal förmlich herausgefallen, wenn wir in das Parkhaus fuhren und in die Stadt gingen.

Gäbe es Goldmarie und Pechmarie im wahren Leben, wäre ich die Pechmarie. Paula und mich unterscheidet neben dem Charakter auch die Haarfarbe. Lediglich an den dunkelbraunen Augen würde man eine Verwandtschaft bestenfalls vermuten. Sie sieht das Leben so viel besser als ich und ist ein einzig wahrer Sonnenschein. Während ich hinter jeder Wand eine Intrige vermute und kaum einen Menschen zwei Schritte über den Weg traue.

„Darf es noch etwas Kuchen sein?“, völlig irritiert starre ich die Bedienung im Café an. Mal wieder bin ich in meinen Gedanken versunken, noch immer auf der Suche nach dem Grund unserer Bekanntschaft. „Nein, danke“ antworte ich leicht heiser und blicke dabei auf die Uhr. Noch zwei Stunden, bis zu meinem Termin. Glücklicherweise geht die Bedienung bereits zum nächsten Tisch und die Röte in meinem Gesicht kann wieder weichen. Ich wusste heute nicht wohin mit mir.

In meiner Altbauwohnung in Hamburg ist mir die Decke auf den Kopf gefallen. Das Café und mein Lieblingskakao gibt mir das Gefühl, dass noch irgendetwas in meinem Leben an Normalität grenzt. Hier bin ich nämlich jeden Mittwoch, immer zur gleichen Uhrzeit. Das hatte Joel auch relativ zügig herausgefunden. Ich schüttele meinen Kopf. Nein, ich darf keinen Gedanken an ihn verschwenden. Zu Schmerzhaft ist die Erinnerung daran, wie er mich nach diesen wunderschönen Wochen einfach allein gelassen hat und abgehauen ist. Keine Nachricht, kein Brief und nun sitze ich hier. Unwissend, wie es mit mir weitergeht, wenn sich meine Vermutung bestätigt. Ich tröste mich darüber hinweg, dass es Joel und nicht Max ist. Max und ich waren anfangs unzertrennlich, bis er sich auf einmal stark veränderte.

An meinem 18. Geburtstag, stand wieder das Oktoberfest an. Ellen war schon Wochen vorher total aufgedreht und obwohl die Tür des Nähzimmers geschlossen war und sie nichts erwähnte, wusste ich, dass sie sich für mein Dirndl wieder selbst übertreffen wollte. Man konnte es ihr nicht verübeln. Sie gab sich immer furchtbar viel Mühe, dass auch ich kleine Kämpferin irgendwann die weiße Fahne schwenkte und das Spektakel über mich ergehen ließ.

Es war Samstagmorgen und pünktlich um 8.00 Uhr klingelte der Wecker. Dieses Mal war selbst ich erstaunt, als ich zu meiner Tür blickte. Dort hing ein königsblaues Dirndl, welches am Mieder mit Hirschen bedruckt und am Dekolleté mit aufwendigen Rüschen und Borten umrandet war. Der weiß gepunktete Rock harmonierte mit der blauen Schürze die zusätzlich mit Glitzersteinen besetzt war. Das brachte das Dirndl zusätzlich zum Funkeln. Ich musste schmunzeln. Dieser ganze Aufriss, war fernab von dem was ich eigentlich an diesem Wochenende unternehmen wollte. Ellen hatte ein Faible dafür, uns in den Mittelpunkt zu stellen. Es gab jedoch keine Ausreden, mein Adoptivvater Patrick würde nie etwas anderes dulden. Er tat alles, um seiner Frau ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern.

Nach dem gemeinsamen Frühstück fuhren Ellen, Paula und ich in die Stadt zum Friseur. Ellen hatte sich schon oft selbst an unseren Haaren versucht, aber hat es letztendlich aufgegeben. Dieser ganze Aufriss musste nicht sein, aber Ellen bestand darauf und widerstand war zwecklos. In dem Friseursalon kannte man uns bereits und Marcello wies uns zu unseren Plätzen. Wir verstanden uns. Marcello hatte schon lange aufgegeben, mich in eine Richtung zu drängen und meinen Typ zu verändern. Ich mochte meine langen dunkelbraunen Haare, so wie sie sind.

Es war jedoch mein 18. Geburtstag, also beschloss ich meinen mittlerweile alten Freund zu vertrauen und keine Wünsche zu äußern. Damit das ganze etwas spannender und noch übertriebener wirkte, wurde der Spiegel mit einem schwarzen Umhang abgedeckt. Paula stieß mir den Ellenbogen in die Seite als ich laut aufseufzte und die Augen verdrehte. Ich fragte mich oft, wer die vernünftigere von uns beiden ist.

Marcello tüftelte fast eine Dreiviertelstunde an mir herum, bis er den Vorhang wegriss. Ich blinzelte ein zwei Mal, um die alte Emelie irgendwo in diesem Spiegel zu entdecken. Meine Haare waren zu einem Dutt zusammengebunden und meine vorderen Haare wurden mit einem silbernen Band verflochten. Ein paar Strähnen zipfelte er heraus, damit die Frisur nicht zu streng wirkte. Mein Make-up war dezent, mit einem zartschimmernden Lipgloss und einem schwarzen Kajalstrich, der meine dunkelbraunen Augen untermalte. Nett, war der Ausdruck den ich benutzte, damit Ellen nicht in Tränen ausbrach.

Gegen frühen Nachmittag fuhren wir nach dem Friseur in ein Parkhaus, um auf das Oktoberfest zu gehen. Die Massen strömten bereits an uns vorbei, bis wir in der Autoschlange die Schranke passieren konnten. In mir stieg die Nervosität und ich konnte mir nicht erklären warum. Dass wir bereits Stammsitzplätze in einem Zelt hatten, war durchaus von Vorteil. Denn das Oktoberfest ist immer reichlich besucht und in meiner Schule hatte ich des Öfteren mitbekommen, dass solche Karten heiß begehrt waren. Manchmal sollte man auch etwas dankend annehmen, anstatt alles abzuschmettern und doof zu finden.

Als wir ankamen, saß Max bereits mit seiner Familie an unserem Tisch und aß die erste Schweinshaxe und trank das erste Maß. Ein Maß ist ein prall gefüllter Bierkrug, der einen Liter fasst. Alle begrüßten sich mit Umarmungen oder Küsschen und Max hielt kurz inne, als er mich erblickte. Gefühlt eine Minute lang konnte er seine Augen nicht von meinen abwenden und die Zeit stand für diesen kurzen Moment still. Ich merkte wir die Röte in mir aufstieg und hasste mich zugleich, dass ich immer so schnell nervös wurde. Das erste Mal nahm ich auch Max ganz anders wahr, als er es sonst getan habe. Mein Bauch kribbelte.

Wir waren in einer Klasse und bereiteten uns gerade auf das Abitur vor. Max hatte durchweg gute Noten und war sehr beliebt. Was vielleicht auch daran lag, dass seinem Vater eine große Kanzlei gehörte und dieser ein sehr bekannter Investor in München war. Ich machte mir nie viel aus Männern, denn ich musste in meinem Leben bereits genug Schlachten bezwingen und wollte mir nicht die Last eines weiteren Lebens aufbürden. Nur was machte solche Männer so attraktiv? Ich bemerkte wie ich ihn mit meinen Augen durchlöcherte und wich schnell aus, als unsere Blicke sich wiederholt trafen. Ich wagte einen weiteren Blick und verfiel in seine stahlblauen Augen. Er strich sich eine lockige Strähne aus dem Gesicht und grinste mich schelmisch an. Okay, das war zu viel. Ich hob meine Hand und bestellte mir ein Maß.

Ein weiteres Maß und ein paar schunkelnde Auftritte später, ergriff ich die Chance und ging etwas beschwipst zur Toilette. Max hatte sich zwischenzeitlich zu einigen Schulkollegen gesellt und ich konnte mich etwas von seinen Blicken lösen. Mit jedem Schluck des herben Bieres schien Max noch attraktiver und verführerischer zu sein. Ich bemerkte regelrecht, wie mich die Eifersucht packte, als er den Tisch wechselte und sich vermeintlich zu fein für unseren war. Er fragte nicht einmal, ob Paula und ich uns dazugesellen möchten.

Ich beschloss ihn wieder zu meiden und klatschte mir mit den frisch gewaschenen Händen vor dem Waschbecken ein, zweimal in mein Gesicht. Wie könnte ich glauben, dass er mich interessant finden könnte. Ich bin ein wirklich unscheinbares Mädchen. Mit meinem 1,70 cm kratze ich gerademal an ein gesundes Mittelmaß und anders als die anderen Mädchen in unserer Klasse, mache ich mir nichts aus Fake-Wimpern und künstlichen Nägeln. Für mehr als einen Lidstrich und ein wenig Wimperntusche, reicht meine Geduld nicht aus. Immer wieder bin ich fasziniert, wie einige Damen eine halbe Stunde früher aufstehen können, um sich Linien durch das Gesicht zu ziehen, die Augenbrauen nachzuzeichnen und alles dann noch irgendwie miteinander vermischen. Sobald mein erster Wecker klingelt, stelle ich diesen getrost weiter, drücke mein Gesicht in mein Kissen und freue mich, dass ich eine halben Stunde mehr schlaf als die anderen haben werde. Gewusst wie.

Als ich mich halbwegs gefangen hatte, wollte ich den Rücktritt zum Tisch antreten. Zurück zum Zelt musste ich an einigen stark nach Bier riechenden Gestalten vorbei, wo sich der ein oder andere das Pfeifen nicht sparen konnte. Die Dirndl muss ein Mann erfunden haben. Wer sonst kommt auf die Idee, die Brüste bis zum Kinn zu schnüren? Plötzlich berührte meine Schulter eine warme Hand und ich drehte mich ruckartig um. Da waren sie wieder, die stahlblauen Augen und das schelmische Grinsen. Meine Knie wurden butterweich. Ich schob es auf den Alkohol. Max fragte mich, ob ich Lust auf ein Abenteuer hätte, schließlich dürfte mein Geburtstag nicht so langweilig enden. Völlig irritiert und fernab der Realität nickte ich. Ich legte meine Hände in seine und er zog mich mit.

Vorwärts

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